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Diskussionsbeitrag
1/09:
Der "1-Prozent-Mythos"
und die Evolution des Menschen
Wie weit sind Mensch und Schimpanse genetisch wirklich voneinander
entfernt?
Genetischen und serologischen Untersuchungen zufolge ist der Schimpanse der
nächste Artverwandte des Menschen. Ihre Entwicklungslinien trennten
sich nach neueren Erkenntnissen vor etwa 5-7 Millionen Jahren. Hierfür
spricht auch der geringe genetische Unterschied von etwa 1,5%; diese Zahl
beziffert die Mutationsereignisse in beiden Linien seit der Trennung vom
gemeinsamen Vorfahren. Das heißt, Mensch und Schimpanse sind auf
genetischer Ebene zu etwa 98,5 Prozent identisch (vgl. Dennett 1996,
S. 337). Der Prozentsatz der Differenzen zwischen dem gemeinsamen Vorfahren
von Mensch und Schimpanse und dem Menschen beträgt sogar nur die
Hälfte, nämlich rund 0,8%. Wie wenig dies tatsächlich ist,
macht ein Vergleich deutlich: Zwei Menschen unterscheiden sich in der Regel
bereits um 0,2 Prozent!
Aus dieser Erkenntnis ergeben sich zwei wesentliche Konsequenzen, die für
die Gegner der Evolutionstheorie höchst unerfreulich sind: Erstens
lässt sich die These von der "Sonderstellung" des Menschen, der sich
der biblischen Urgeschichte zufolge seinem Wesen nach grundlegend
von allen tierischen Formen unterscheiden soll, nicht mehr aufrecht halten.
So werden die Menschenaffen heute nicht mehr als gesonderte Gruppe der Pongidae
geführt, sondern sind in der Gruppe der Hominidae (Menschenartigen)
aufgegangen.
Die zweite Erkenntnis ist, dass die Unterschiede in der Gestalt zwischen
Mensch und Schimpanse weniger auf den Neuerwerb von Genen, sondern eher auf
"klassische" Mutationen, Verlust und Duplikation bestehender Gene
sowie auf Veränderungen in der Genregulation (z. B. auf Unterschiede
in der Art der Wechselwirkung zwischen Embryonalzustand und Genaktivierung)
in der Keimesentwicklung zurückzuführen sind. Auch diese Erkenntnis
widerspricht der Einordnung von Mensch und Schimpanse in zwei
wesensmäßig voneinander getrennte Großgruppen, deren
Unterschiede durch eine "Makroevolution" überbrückt werden
müssten. Vielmehr dürfte bei der Entwicklung des Menschen aus einem
schimpansenartigen Vorfahren das Ausschöpfen der "Genom-Plastizität"
ausreichend sein (s. u.); unter Rückgriff auf die evolutionskritische
Terminologie würde es sich also um eine reine "Mikroevolution" handeln.
Kein Wunder also, dass die Evolutionsgegner, denen die Erkenntnis der engen
Verwandtschaft von Mensch und Menschenaffen ein Dorn im Auge ist, seit jeher
versuchen, die genetischen Unterschiede von rund 1 Prozent als "Mythos" zu
brandmarken. Hierin scheinbar bestärkt werden sie durch neuere
Genomanalysen, die nach Ansicht des Wort-und-Wissen-Mitglieds Harald Binder
einen "zunehmend größerer Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse"
aufzeigen (Binder 2007). Was ist davon zu halten?
Die Studie von Hahn und Kollegen (2007): Der
"1-Prozent-Mythos"
Binder stützt sich in seiner Einschätzung auf eine Studie von
Hahn et al. (2007), in der insgesamt rund 120.000 Gene von Rhesusaffe
(Macaca mulatta), Hund (Canis familiaris), Ratte (Rattus
norvegicus), Maus (Mus musculus), Schimpanse (Pan
troglodytes) und Mensch (Homo sapiens) mindestens 6 Mal sequenziert
und zu rund 96% untersucht wurden. Das Ergebnis der Studie bewertet Binder
wie folgt:
Die Autoren folgern aus den Untersuchungen, dass im Genom des Menschen (seit
seiner vermuteten Abspaltung von der Schimpansenlinie vor 5-6 Millionen Jahren)
678 Gene dazugekommen sind, während im Schimpansengenom 740 Gene verloren
wurden. Dies bedeutet, dass sich für 6,4 % (1.418 von 22.000) aller
menschlichen Gene keine direkt vergleichbaren (orthologen) Gegenstücke
im Schimpansengenom finden lassen. Es bleibt spannend zu verfolgen, ob
sich dieser Trend im genetischen Unterschied mit wachsenden Kenntnissen fortsetzt
Die großen Unterschiede implizieren zudem ernsthafte Fragen
nach den Mechanismen der Veränderungen und auch nach deren Triebfeder.
Der vermeintliche "Trend", von dem Binder spricht, ist jedoch ein Umstand,
der am genetischen Unterschied von 1,5 Prozent zwischen Mensch und Schimpanse
nicht zu rütteln vermag. Denn aus molekulargenetischer Sicht werden
die Genome auf ganz unterschiedlichen Ebenen miteinander verglichen.
Legt man z. B. die Anzahl der mutierten Positionen im Genom von Mensch und
Schimpanse zugrunde, ist der Grad der Übereinstimmung naturgemäß
viel höher, als wenn Genduplikationen und Deletionen mit
berücksichtigt werden, weil diese gleich mehrere bis (sehr) viele
Nukleinbasen betreffen. Von Genduplikation spricht man, wenn nach einer Mutation
einzelne Chromosomenstücke (bzw. Gene) doppelt vorhanden sind, während
umgekehrt bei der Deletion Gene verlustig gehen. Das klassische Beispiel
für eine solche Deletion bzw. Duplikation ist das so genannte Bar-Gen
der Fruchtfliege Drosophila melanogaster. Der Wildtyp besitzt
annähernd oval geformte Augen, während sie bei der Bar-Mutante
balkenförmig sind, sofern das Gen auf beiden Chromosomen eines Paares
vorliegt. Die Erscheinung "Bar" (balkenförmig) beruht auf einer Duplikation
eines Chromosomenabschnitts. Da von dieser Duplikation sehr viele Basenpaare
betroffen sind, kann man von einem vergleichsweise großen genetischen
Unterschied sprechen. Man kann aber genauso gut auch von nur einem
einzigen Unterschied sprechen. Wenn sich z. B. zwei Ausgaben eines Buchs
nur dadurch unterscheiden, dass genau ein Kapitel mit 50.000 Buchstaben doppelt
vorhanden ist, wird man auch hier eher von einem Unterschied sprechen
statt von 50.000.
Kurzum, beide Zahlen sind korrekt. Eine vernünftige Interpretation der
Zahlen kann aber nur dann erfolgen, wenn dazu gesagt wird, worauf genau sich
die Unterschiede beziehen. Unter Berücksichtigung mehrfach in Kopie
vorhandener und verloren gegangener Gene oder DNA-Abschnitte (die zusammenfassend
als "Indels" bezeichnet werden) hatte bereits Britten (2002) den
genetischen Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse auf 5 Prozent
geschätzt. Das Ergebnis der Studie von Hahn et al. (2007) weicht
von diesem Wert nicht wesentlich ab - auch hier wurden Genduplikationen und
Deletionen besonders berücksichtigt, worauf sich schlussendlich der
Unterschied von 6,4 Prozent gründet. Von "einem Trend im genetischen
Unterschied" kann daher kaum gesprochen werden.
Die scheinbar viel größere genetische Differenz von 6,4
gegenüber 1,5 Prozent kommt also, und das ist das Entscheidende, nur
dadurch zustande, dass der Mensch im Laufe seiner Entwicklung wenige Hundert
neue Kopien von Genen angesammelt hat, die der gemeinsame Vorfahr
von Mensch und Schimpanse bereits besaß (!), während in der
Entwicklungslinie des Schimpansen "unter dem Strich" mehr Gene durch Deletion
verloren gingen als Genduplikationen aufgetreten sind. Mit anderen Worten:
Die genetische Diskrepanz beruht nicht darauf, dass beim Menschen eine
Vielzahl von Genen neu (de novo) entstanden ist, wie es der Beitrag
von Binder suggeriert, sondern hauptsächlich auf "mikroevolutiven"
Veränderungen - eben dem Ansammeln von Genkopien und
Verlustmutationen (s. Abb. 1).
Abb. 1: Grafische Illustration des "gene content" (Genbestands) in
einem Stammbaum. Der genetische Unterschied von 6,4 Prozent zwischen Mensch
(Human) und Schimpanse (Chimpanzee) erklärt sich durch den Zugewinn
(+) von 689 Gen-Kopien in der Evolution des Menschen (Genduplikation) und
dem Verlust (-) von 729 Genen in der Entwicklungslinie des Schimpansen
(Deletion). Aus Cohen (2007).
Vergleicht man nur die kodierenden DNA-Bereiche, so sinkt der ermittelte
Prozentsatz der Unterschiede sogar auf deutlich unter 1 Prozent
(Kitano et al. 2004). So betragen die Abweichungen zwischen den Genomen
zwar etwa 35 Millionen Mutationen, aber nicht einmal 1 Prozent führt
zur Herstellung mutierter Proteine - der Rest liegt in nicht kodierenden
Abschnitten der Erbsubstanz. Auch der größte Teil der "Indels"
betrifft nicht kodierende Bereiche und hat daher keinen adaptiven Wert
(Volfovsky 2009). Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass nur ganz
wenige Gene entscheidend für die Menschwerdung waren.
Kausale Aspekte zur Evolution des
Menschen
Wenn nun klar ist, dass Mensch und Schimpanse eine sehr ähnliche
Genausstattung besitzen und nur sehr wenige Gene für die Menschwerdung
entscheidend waren, wie lässt sich dann das Zustandekommen der
vergleichsweise großen morphologischen Unterschiede zwischen
Mensch und Schimpanse erklären? Die Antwort auf diese Frage wurde oben
bereits vorweg genommen, sie lautet: zu einem guten Teil durch
Veränderungen der Aktivität bzw. Ausprägung (Expression) der
an der Entwicklungsregulation beteiligten Gene. Treten z. B. Mutationen auf
- etwa an Genen, die das Ausschütten von Wachstumshormonen regulieren
oder auf andere Weise die zeitliche Entwicklung der Merkmale während
der Keimesentwicklung beeinflussen - kann die Wachstumsphase eines
Körpermoduls (oder des ganzen Organismus) gegenüber der Ahnenart
beschleunigt ("Acceleration") oder gebremst ("Neotenie"), verkürzt
("Progenese"), verlängert ("Hypermorphose") oder in einem früheren
Stadium angehalten werden ("Pädomorphose"), mit zum Teil großen
Effekten auf den Phänotypus. Der Oberbegriff für diese zeitlichen
Veränderungen lautet Heterochronie.
Im Auftreten von Heterochronien scheint auch ein wesentlicher Schlüssel
zum kausalen Verständnis der menschlichen Evolution zu liegen (vgl.
Minugh-Purvis/McNamara 2002). Ein gewichtiges Indiz hierfür
gründet in der Tatsache, dass die Schädelproportionen des Menschen
bereits im Wesen junger Schimpansen "angelegt" sind (Abb. 2). Es ist somit
sehr wahrscheinlich, dass in der Evolution des Menschen bestimmte Jugendmerkmale
eines gemeinsamen Vorfahrens beibehalten wurden (Pädomorphose, Neotenie).
Abb. 2: Der Schädel junger Schimpansen (links) ist sehr
menschenähnlich. Die nach vorn gewachsene Schnauze und der relativ kleine
Gehirnschädel ausgewachsener Schimpansen (rechts) unterscheiden sich
dagegen deutlicher vom Menschen. Nach Westenhöfer (1948).
Die Wachstumsphase anderer Merkmale wiederum wurde verlängert
(Hypermorphose), z. B. die des Gehirns. Im Rahmen empirischer Studien lässt
sich sogar quantitativ belegen, dass sich die Wachstumskurven
("ontogenetischen Trajektorien") einer ganzen Reihe von Merkmalen des Schimpansen
durch die Mechanismen der Pädomorphose, Hypermorphose oder durch Kombination
beider Effekte in die des Menschen überführen lassen, wodurch die
Heterochronie-Hypothese auf empirischem Wege bestätigt wird (vgl.
Rice 2002; Abb. 3).
Abb. 3: Die linke obere Grafik zeigt die realen Wachstumskurven des
Gehirns von Mensch (Homo) und Schimpanse (Pan). In der rechten
oberen Grafik wird hingegen der Effekt der Entwicklungsverlängerung
(Hypermorphose) beim Schimpansen mathematisch im Modell berücksichtigt.
Man beachte, dass die veränderte Wachstumskurve des Schimpansen und
die des Menschen praktisch identisch sind. Dies legt den Schluss nahe, dass
seit der Aufspaltung der Entwicklungslinien von Mensch und Schimpanse in
der Gehirnentwicklung vor allem zeitliche Verlängerungen der Wachstumsphasen
stattgefunden haben. Aus Rice (2002).
Was sich beim Schimpansen als nächstem Artverwandten zeigen lässt,
gelingt beim stammesgeschichtlich weiter entfernten Makaken übrigens
nicht: Auch unter Berücksichtigung von Hypermorphose lassen sich die
Wachstumskurven der Gehirne von Mensch und Makake nicht zur Deckung bringen.
Daraus folgt, dass sich auf der Stammlinie zwischen unserem gemeinsamen Vorfahren
mit den Altweltaffen (vor ca. 25 Mio. Jahren) und dem gemeinsamen Vorfahren
von Mensch und Schimpanse (vor ca. 7 Mio. Jahren) einige grundlegendere
Veränderungen des Wachstumsprozesses ereignet haben müssen - ein
Befund, der das Schwesterarten-Verhältnis von Mensch und Schimpanse
einmal mehr auf eindrucksvolle Weise untermauert. So fügt sich ein
Mosaiksteinchen ins andere und ergibt ein kohärentes Bild von der
menschlichen Evolution.
Nach Ansicht von Hahn et al. (2007) könnten im Übrigen auch
Gen- und Segmentduplikationen sowie Deletionen eine große Rolle
in der Evolution des Menschen spielen. Dass die Duplikation einzelner
Chromosomenstücke morphologische Veränderungen bzw. Veränderungen
der Genregulation hervorrufen kann, zeigt wie erwähnt die Bar-Mutante
von Drosophila. Auch neuere Studien, wie z. B. diejenige
von Volfovsky et al. (2009), stärken die Auffassung, dass
die "Genom-Plastizität", beruhend auf den Faktoren Genduplikation und
Deletion, eine größere Rolle in der Evolution der Primaten spielt,
als bislang vermutet.
Die Unterschiede im Gehirn von Mensch und
Schimpanse
Inwieweit erklärt nun eine Verlängerung der Wachstumsphase des
Gehirns die Evolution der kognitiven Fähigkeiten des Menschen? Die
Größe ist ja schließlich nicht der einzige und nicht der
wesentliche Unterschied zwischen dem Gehirn eines Schimpansen und dem eines
Menschen. Dass das menschliche Gehirn Fähigkeiten entwickelt, die das
Schimpansenhirn nicht hat, liegt wohl hauptsächlich an der höheren
Dichte der neuronalen Vernetzung sowie an der ständigen Zunahme der
Anzahl von Ganglien- und Gliazellen, wobei die Hirnrinde bis zum 20. Lebensjahr
etwa das 10-fache des Geburtsvolumen erreicht. Dadurch entstehen neue Strukturen
wie z. B. die Sprachzentren, u. a. das Broca-Areal und Wernicke-Zentrum,
welches den Schimpansen noch fehlen. Allerdings, und diese Erkenntnis lässt
aufhorchen, ist gerade im Gehirn der Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse
frappierend gering, was den Aufbau und die Aktivität der Gene betrifft
(vgl. Khaitovich et al. 2005). Die Unterschiede sind nur etwa 10 Mal
so groß wie zwischen zwei Menschen! Folglich ist auch der Grund für
die strukturellen Unterschiede der Gehirne weniger im Erwerb genetischer
Neuerungen als vielmehr im "selbst entdeckenden Verhalten" der
Embryonalentwicklung zu suchen. (*)
Es ist eine alte Erkenntnis, dass Entwicklungsprozesse, wie das Nervenwachstum
oder die Entstehung der Struktur des Gehirns, nicht direkt genetisch
kodiert werden, da die dafür erforderliche "Information" den auf der
DNA verfügbaren "Speicherplatz" um mehrere Größenordnungen
übersteigen würde. Folglich müssen sich die Strukturen nach
internen Regeln, durch wechselseitige Beeinflussung von Embryonalzustand
und Genaktivierung, selbst konstruieren und an die jeweils im System herrschenden
Bedingungen anpassen. Dies geschieht auch nach biomechanischen Gesetzen,
wobei sich die verschiedenen Zellverbände beim Wachstum durch
äußeren oder inneren Druck in spezifischer Weise verformen,
verdichten, auflockern, einfalten, Hohlräume bilden usw. Geringe
Veränderungen in der Entwicklungsregulation, die dafür sorgen,
dass die Hirn-Entwicklung beim Menschen länger anhält, könnten
so die Emergenz neuer Hirnareale und mentaler Prozesse begründen, ohne
dass hierfür zusätzliche Evolutionsmechanismen oder die Rekrutierung
zahlreicher neuer Gene erforderlich wären.
Fazit
Molekular- und entwicklungsbiologische Untersuchungen stützen mehr und
mehr die Hypothese der Kladistik, wonach Mensch und Schimpanse nächste
Artverwandte sind, deren Entwicklung vor rund 5-7 Millionen Jahren getrennte
Wege nahm. Neueste bioinformatische Analysen zeigen, dass sich die Genome
in ihren Genbeständen um rund 6,4 Prozent unterscheiden, wofür
im wesentlichen Genduplikation und Verlustmutationen verantwortlich gemacht
werden. Legt man die Zahl der mutierten Positionen im Genom von Mensch und
Schimpanse zugrunde, beträgt der genetische Unterschied hingegen nur
rund 1,5 Prozent. Damit ist der Prozentsatz der Differenzen noch geringer
als die Differenzen zwischen den verschiedenen Hundeartigen. So differieren
die Gensequenzen von Wolf und Kojote bereits um 7,5 Prozent (Vilá
et al. 1997, S. 1689). Am geringsten sind schließlich die Unterschiede
im Gehirn, was Aufbau und Aktivität der Gene anbelangt. Die Unterschiede
in der Gestalt von Mensch und Schimpanse beruhen somit zu einem großen
Teil auf Veränderungen in der Entwicklungsregulation, weniger auf
genetischer Innovation: Gehirnwachstum, Schädelproportionen und
Gewicht lassen sich auf heterochrone Verschiebungen in der Entwicklung
zurückführen, was sich anhand entwicklungsbiologischer Modell auch
quantitativ belegen lässt. Somit lässt sich selbst aus
kreationistischer Sicht kaum mehr ein vernünftiger Grund anführen,
warum der Mensch nicht zusammen mit dem Schimpansen dem "Grundtyp" Hominidae
zuzurechnen ist.
Literatur
Binder, H. (2007) Mensch und Schimpanse noch weiter auseinander. Vergleichende
Genomik: zunehmend größerer Unterschied zwischen Mensch und
Schimpanse.
www.genesisnet.info/index.php?News=98.
Zugr. a. 27.12.2008.
Britten, R.J. (2002) Divergence between samples of chimpanzee and human DNA
sequences is 5%, counting indels. PNAS 99, 13633 - 13635.
Cohen, J. (2007) Relative differences: the myth of 1%. Science 316, 1836.
Dennett, D.C. (1996) Darwin's dangerous idea. Evolution and the meanings
of life. Penguin, New York.
Enard, W. et al. (2002) Molecular evolution of FOXP2, a gene involved in
speech and language. Nature 418, 869 - 872.
Hahn, M.W. et al. (2007) Accelerated rate of gene gain and loss in primates.
Genetics 177, 1941 - 1949.
Khaitovich, P. et al. (2005) Parallel patterns of evolution in the genomes
and transcriptomes of humans and chimpanzees. Science 309, 1850 - 1854.
Kitano, T. et al. (2004 ) Human-specific amino acid changes found in 103
protein-coding genes. Mol Biol Evol. 21, 936 - 944.
Krause, J. (2008) Fortlaufende Sammlung von Daten und Fakten zu Gentechnik
und Biomedizin. www.krause-schoenberg.de/gentechnikfaktenalles.html. Zugr.
a. 03.04.2009.
Minugh-Purvis, N./McNamara, K.J. (2002, Hg.) Human evolution through
developmental change. Johns Hopkins University Press, Baltimore.
Rice, S.H. (2002) The role of heterochrony in primate brain evolution. In:
Minugh-Purvis, N./McNamara, K.J. (Hg.) Human evolution through developmental
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Vilá, C. et al. (1997) Multiple and ancient origins of the domestic
dog. Science 276, 1687 - 1689.
Volfovsky, N. et al. (2009) Genome and gene alterations by insertions and
deletions in the evolution of human and chimpanzee chromosome 22. BMC Genomics
10, 51.
Westenhöfer, M. (1948) Die Grundlagen meiner Theorie vom Eigenweg des
Menschen. Heidelberg.
_____________________________________________
(*)
Fußnote:
Natürlich ist der Hirnstoffwechsel von Mensch und Schimpanse nicht
völlig identisch. In Teilen des menschlichen Gehirns sind einige Gene
aktiver und andere liefern durch alternatives Spleißen mitunter abweichende
Proteine. Dieses Phänomen erklärt sich durch Mutationen in den
nicht kodierenden Bereichen der Gene (den so genannten Introns), wobei neue
Spleißstellen entstehen können, die das Intron zu einem kodierenden
Bereich (Exon) werden lassen. So enthält das menschliche Erbgut potenziell
25.000 Intronstellen, aus denen durch eine Punktmutation ein Exon werden
könnte (vgl. Krause 2008). Ferner spielen natürlich auch
"klassische Mutationen" eine Rolle, also die Veränderung einzelner Gene.
So korrelieren z. B. ganz bestimmte Mutationen im FOXP2-Gen mit dem Spracherwerb
beim Menschen (Enard et al. 2002).
Autor:
Martin Neukamm
© AG EvoBio - Evolution
in Biologie, Kultur und Gesellschaft
11.04.09