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Rezension:
U. Kutschera: Tatsache
Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte
dtv, München, 2009. 340 Seiten. Preis: 14,90 . ISBN:
978-3-423-24707-8.
Laborjournal
15(12), 51-52 (leicht
verändert)
Der Autor Ulrich
Kutschera diskutiert in diesem Buch, was man aus Sicht der modernen
Biowissenschaften unter Evolution versteht. Er beschreibt die Geschichte
der Evolutionstheorie sowie den Lebenslauf ihrer Protagonisten und legt dar,
welche Entwicklungen in der Evolutionsbiologie seit Darwin stattgefunden
haben. In den weiteren Kapiteln referiert der Autor über die Geschichte
der Geochronologie und beschreibt die radiometrischen Methoden zur
Altersbestimmung von Erde und Mond. Es folgen Ausführungen über
die Paläobiologie, die Theorie der Symbiogenese und über die
Sequenzierung des Genoms. Im letzten Kapitel präsentiert der Autor
schließlich ein von ihm so bezeichnetes "Synade-Modell" der Evolution,
das er als integrative Erweiterung der Evolutionstheorie betrachtet.
Zu den Stärken des Buchs zählen zweifelsohne die
wissenschaftshistorischen Aspekte hinsichtlich Darwins Lebenswerk und der
Geschichte der Evolutionstheorie. Besonders interessant ist das 4. Kapitel,
in dem Darwin als Begründer einer Reihe weiterer Theorien vorgestellt
wird, was dem Laien kaum bekannt sein dürfte. Leider hat das Buch auch
Schwächen, die den Blick auf die positiven Aspekte trüben.
Zunächst fällt auf, dass die einzelnen Themen lose aufeinander
folgen, ohne dass ersichtlich wird, was der Inhalt des einen Kapitels mit
dem anderen zu tun hat. So ist z. B. der Exkurs über die Systematik
der Käfer (Kap. 5, man könnte viele weitere Beispiele nennen) durchaus
interessant, hat aber mit dem eigentlichen Thema wenig zu tun. Des Weiteren
werden einige Thesen vertreten, die unfreiwillig komisch wirken. Dazu zählt
beispielsweise die Behauptung, Darwin habe deshalb gezögert, seine
evolutionären Ansichten darzulegen, weil seine Villa "möglicherweise
von protestierenden Christen umstellt worden" wäre (S. 105). Auffällig
ist auch, dass der Autor überwiegend seine eigenen Arbeiten zitiert,
was den unzutreffenden Eindruck erweckt, die meisten Argumente seien
originär vom Autor entwickelt werden. Dies trifft allerdings keineswegs
zu.
In das Buch haben sich auch diverse Fehler eingeschlichen. Beispielsweise
werden zu Ernst Haeckel drei verschiedene Geburts- und Sterbedaten angegeben.
Das chemische Element mit dem Symbol Nd heißt Neodym, nicht Neodynium,
und das Element mit dem Symbol Sm heißt "Samarium", nicht Samardium,
wie es im Buch mehrfach heißt. Weiterhin sind bei vielen Zitaten die
Quellenangaben unzureichend, und einige Referenzen decken sich nicht mit
den Angaben im Quellenverzeichnis. Dadurch entsteht der Eindruck, als sei
das Buch unter starkem Zeitdruck zustande gekommen. Außerdem werden
wissenschaftstheoretische Schlüsselbegriffe wie "Faktum", "Tatsache"
oder "Beweis" missverständlich charakterisiert, was es erkenntnistheoretisch
versierten Kreationisten erleichtert, einzuhaken, wenn es die Tatsache Evolution
infrage zu stellen gilt.
Abschließend sei erwähnt, dass das "Synade-Modell", das Kutschera
als "integrative Theorie zu den Antriebskräften der Makroevolution"
vorstellt, drei Basisfaktoren beschreibt, nämlich die natürliche
Selektion, die Symbiogenese sowie die Veränderlichkeit der Umwelt. Aber
was daran integrativ oder neu sein soll, entbirgt sich dem Leser nicht.
Integrativ ist das Modell deshalb nicht, weil es sich mit dem eigentlich
Interessanten an der Evolution, nämlich mit den epigenetischen
Antriebskräften der so bezeichneten Makroevolution, gar nicht erst
beschäftigt. Außerdem ist es schon seit langer Zeit Lehrbuchwissen,
dass Umweltveränderungen evolutionäre Anpassungen forcieren und
dass die Symbiogenese einen wichtigen Beitrag zur Evolution leistet.
Insgesamt hinterlässt die Lektüre einen zwiespältigen Eindruck.
Einerseits ist das Buch eine gelungene Würdigung von Darwins Lebenswerk.
Zugleich enthält es das wichtige Plädoyer, sich von den kampfrhetorisch
aufgeladenen Begriffen Darwinismus und Neodarwinismus zu lösen. Mit
Recht betont der Autor, dass sich die moderne Evolutionsbiologie nicht mehr
auf den Darwinismus stützt. Und ohne Frage verfolgt das Buch das wichtige
Ziel, Interesse an der Evolutionsbiologie zu wecken, um ihr den Stellenwert
in der Gesellschaft zu verschaffen, der ihr zukommen müsste. Leider
ist zu befürchten, dass es aufgrund verschiedener Schwächen nicht
den Erfolg haben kann, der dem Werk vor dem Hintergrund allgegenwärtiger
kreationistischer Demagogie zu wünschen wäre.
Martin
Neukamm
© AG EvoBio
26.12.2009