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Rezension
Junker, R.; Scherer,
S. (2006) Evolution. Ein kritisches
Lehrbuch
Weyel-Verlag, Gießen. 6. Auflage. 336 S, geb. Preis: 22,- . ISBN:
978-3921046104
Das Buch
"Evolution - ein kritisches Lehrbuch" ist der Nachfolger des erstmals 1986
unter dem Titel "Entstehung und Geschichte der Lebewesen" erschienenen Werks,
das in der 1.-3. Auflage unter diesem Titel erschien. Im Jahre 1998 erschein
die 4. Auflage, das in gewisser Weise eine Zäsur darstellte. So hatte
der Autorenstab weitgehend gewechselt und die meisten Kapitel wurden grundlegend
überarbeitet. Inzwischen liegt das Buch, das inzwischen
schätzungsweise mehr als 40.000 Mal verkauft wurde, in der 6. Auflage
(und nächstes Jahr vermutlich in der 7. Auflage) vor. Worum geht es
in dem Buch?
Das primäre Ziel des Buchs ist es zu zeigen, dass die Evolutionstheorie
nicht zwingend bewiesen sei, sondern dass das biologische Datenmaterial auch
aus der Perspektive von Schöpfungstheorien gedeutet werden könne.
Um Zweifel an der Evolution zu säen, werden die (vermeintlichen oder
tatsächlichen) Schwachstellen und offenen Fragen der Evolutionstheorie
akribisch zusammen getragen. Evolutionskritik ist das Vehikel, um
schöpfungstheoretischen Spekulationen eine scheinbar wissenschaftlich
begründete Daseinsberechtigung zu verschaffen. Zwar räumen die
Autoren im Kapitel "Grenzüberschreitungen" ein, dass an Schöpfung
letztlich immer nur geglaubt werden könne. Doch sei die Deutung" im
Rahmen der Evolutionslehre" ebenso eine "Grenzüberschreitung", die sich
mit rein naturwissenschaftlichen Methoden nicht belegen lasse (p. 290). Unter
Rückgriff auf die vorgeblich wissenschaftlichen Bemühungen des
"intelligenten Designs", empirische Hinweise auf eine "intelligente Gestaltung"
der Lebewesen nachzuweisen, wird schließlich versucht, den Diskurs
zugunsten der Schöpfungsthese zu entscheiden. Wer den Anschein von Planung
wegdiskutieren wolle, trage die Beweislast (p. 307).
Im Vergleich zur 4. Auflage wurden einige Kapitel, wie etwa die
wissenschaftstheoretische Einführung, komplett umgeschrieben, und auch
der Autorenstab hat teilweise gewechselt. Einige Einwände gegen die
Evolutionstheorie wurden korrigiert, einige Fehler bereinigt. Insgesamt ist
die Argumentationsstruktur raffinierter geworden und dadurch auf den ersten
Blick weniger angreifbar. Haben sich aber auch die Grundpositionen der Autoren
zum Positiven verändert?
Leider ist davon nicht so viel zu spüren, wie es aus Sicht des Rezensenten
wünschenswert gewesen wäre. So stößt man nach wie vor
auf dieselben methodologischen Fehleinschätzungen wie in den Auflagen
zuvor, z. B. auf die völlig falsche Gleichsetzung von Naturwissenschaft
mit dem jederzeit Beobachtbaren und dem experimentell Reproduzierbaren. Die
Evolutionsbiologie verlöre so den Status einer lupenreinen
Naturwissenschaft, wäre die positivistische Wissenschaftsauffassung
von Junker und Scherer nicht völlig überholt. Auch auf der Faktenebene
werden teils oberflächliche, teils tendenziöse Schlüsse gezogen
und immer wieder Behauptungen aufgestellt, die sich beim Studium der
Fachliteratur nicht nachvollziehen lassen: Ein schlecht recherchiertes Beispiel,
das "Makroevolution" infrage stellen soll, ist das "Insektengasthaus" des
Aronstabs. Die auf Seite 80 angeführte Abbildung, wo gefragt wird,
über welche von der Selektion begünstigten Zwischenschritte es
denn möglich sein soll, aus einem einfachen Blatt den komplizierten
Blütenstand des Aronstabs entstehen zu lassen, ist in einer Weise
irreführend, dass selbst der eine oder andere Nichtfachmann die
Argumentation zu entkräften in der Lage sein dürfte. Ein Blick
in die Fachliteratur hätte genügt, um zu erkennen, dass alle
vermeintlich "unfertigen" (angeblich nicht positiv selektierbaren und daher
wertlosen) Zwischenformen im Sinne einer Merkmalsphylogenie über die
gesamte Familie der Araceae (Aronstabgewächse) verstreut - und
offensichtlich alles andere als wertlos sind.
Unzureichend recherchiert ist auch der Abschnitt über die Evolution
des sattsam bekannten "Bakterienmotors" (p. 155ff). Mit keiner Silbe werden
die Evolutionsmodelle (beispielsweise das empirisch gut begründete Modell
von Nick Matzke) erwähnt, wonach die im evolutionskritischen Lehrbuch
konstruierten Probleme der Flagellenevolution an der Realität vorbei
gehen. So war das Postulat, wonach nicht weniger als 160 Simultanmutationen
erforderlich sein sollen, um aus einem Vorläufersystem eine funktionierende
Flagelle entstehen zu lassen, schon vor Drucklegung des Buchs aus empirischer
Sicht unrealistisch. Überhaupt wird das Thema "irreduzible
Komplexität" sehr tendenziös behandelt. Kritische Literatur, in
der die Gegenargumente nachzulesen wären, glänzt durch Abwesenheit.
Auch der Status evolutionärer Übergangsformen wird, wie in den
Auflagen zuvor, falsch eingeschätzt. So sollen die Fossilien, um eine
Evolution belegen, in ihren Merkmalen "genau zwischen" den zu
überbrückenden Großgruppen (beispielsweise zwischen Vogel
und Reptil) stehen (z. B. p. 261); eine Vorstellung, die Ernst Mayr bereits
vor über 40 Jahren zurück gewiesen hatte. Zudem werden die Fossilien
aufgrund spezieller Merkmale oder Konvergenzen regelmäßig zum
Problemfall erklärt und, welch Wunder, der messerscharfe Schluss gezogen,
fossile Zwischenformen seien als Evolutionsbelege nicht oder allenfalls bedingt
geeignet (p. 262). Das besagt aber gar nichts, weil die Autoren hier nur
das schlussfolgern, was sie zuvor schon in die Prämissen ihrer Argumentation
hineingesteckt haben.
Insgesamt betrachtet liefert das Buch zwar viele interessante Einsichten
ins Detail, und man darf hinzufügen: auf durchaus hohem Niveau. Doch
wird, und dies ist der Hauptvorwurf an die Autoren, ein falsches Bild
darüber vermittelt, was Naturwissenschaft ist, wie sie funktioniert
und was sie zu leisten imstande ist (bzw. was nicht). Die auf wenige Zeilen
verkürzte Grundaussage des Buchs lautet: Wenn eine Theorie nicht im
streng logischen (mathematischen) Sinne beweisbar, ein Schluss nicht zwingend,
eine Erklärung noch unvollständig, dieses und jenes Modell noch
umstritten und ein modellierter Erklärungsweg nicht unmittelbar
experimentell erschlossen werden kann, dann darf die Rahmentheorie
grundsätzlich infrage gestellt werden, und es erscheint legitim, auf
supranaturalistische Alternativmodelle auszuweichen. Diese Logik zu Ende
gedacht, wäre die Wissenschaft nie über das geozentrische Weltmodell
hinausgelangt, und in allen Wissenschaftsbereichen, in denen es um die
Rekonstruktion historischer Sachverhalte geht, dürften sich
übernatürliche Faktoren verschiedenster Art tummeln; angefangen
von den wundersamen Kräften der Astrologe bis hin zu den Fantasien eines
Erich von Däniken.
Um es deutlich zu sagen: Die Unvollständigkeit evolutionärer
Erklärungen ist (ebenso wie der hypothetische Charakter wissenschaftlicher
Modelle) gerade keine theoretische Schwäche. Seit Darwin nimmt
das Wissen über die Mechanismen der Evolution stetig zu, und die
Erklärungskraft der modernen Evolutionstheorien schlägt sich in
unzähligen Forschungsprogrammen und wissenschaftlichen
Veröffentlichungen nieder. Dass neue Antworten freilich auch immer neue
Fragen aufwerfen, gehört zur Naturwissenschaft dazu und entwertet die
Fortschritte nicht. Denn allzu gerne übersehen die Kritiker, dass diese
neuen Fragen keine Fundamentalfragen sind, die eine
"Makroevolution" von Grund auf infragestellen sondern
Detailfragen, also Fragen auf der jeweils nächsten Ebene der
Erkenntnis. Evolutions- mit Schöpfungsmodellen zu vergleichen, hieße,
einen Einbaum mit einem Flugzeugträger zu vergleichen. Die schlichte
Annahme, ein Biosystem sei zu komplex, ein Schöpfer müsse dahinter
stecken, hat weder erkenntnistheoretischen noch heuristischen Wert. Sie ist
als Modellbildungsinstanz völlig wertlos, zumal sie nichts erklärt.
An dieser Einsicht scheitert das Buch auf ebenso tragische Weise, wie alle
vorangegangenen Auflagen.
Martin
Neukamm
© AG Evolutionsbiologie
des VdBiol 15.01.10