Druck-Version
Kommentar:
Über "Intelligent
Design" hinaus?
Reinhard Junkers neues Buch: "Spuren Gottes in der Schöpfung?"
Vom
langjährigen Geschäftsführer der Studiengemeinschaft Wort
und Wissen, Reinhard Junker, stammt das Buch "Spuren Gottes in der
Schöpfung? Eine kritische Analyse von Design-Argumenten in der
Biologie" (1). Der Inhalt ist insofern bemerkenswert,
als Junker teilweise (er ist nicht ganz konsistent darin) das bei den Vertretern
des "Intelligent Designs" in den USA übliche Ausschluss-Argument zu
überwinden versucht. Er erkennt, dass der Versuch nicht ausreicht,
jede Entstehungsmöglichkeit für die Merkmale von Lebewesen
durch Naturprozesse auszuschließen, so dass Design als Erklärung
übrig bleibt (2). Abgesehen davon, dass dieses Verfahren
theoretisch und praktisch misslingt (3), bliebe selbst im
Fall des Gelingens eben nicht nur Design als Erklärung übrig.
Ein argumentum ad ignorantiam ist daher prinzipiell unzulässig.
(4)
Um diese Schwierigkeit zu überwinden, führt R. Junker das Konzept
des "spezifischen Designs" (SD) ein, das er eventuell von Christoph
Heilig übernommen hat (5). Dabei geht er von der Frage
aus, ob es möglich sei, anhand von spezifischen Merkmalen eines
Phänomens (eines Lebewesens) auf spezifische Handlungen bzw. Intentionen
eines Designers zu schließen. Es liegt nahe, sich dabei auf
menschenähnliches Design zu beschränken, weil wir über
andere "Designer" und ihre spezifischen Methoden und Absichten nichts wissen.
Allerdings macht das den Ansatz eventuell von vornherein bedeutungslos, denn
sicherlich haben nicht Menschen die Lebewesen geschaffen, sondern
sie entstanden aus der Sicht des Kreationismus jeweils für sich
durch einen spezifischen Akt Gottes. D.h. "menschenähnliches" Design
würde, selbst wenn es erkennbar wäre, dem Kreationismus
möglicherweise gar nichts nützen (6). Aber das
sei dahingestellt. R. Junker beantwortet die Frage nach Design-Merkmalen
bei Lebewesen jedenfalls bedingt positiv, aber dabei unterlaufen ihm methodische
Fehler. Er übersieht (was C. Heilig zum Teil durchschaut, s.o.), dass
die Plausibilität seiner Behauptung nicht nur von den Merkmalen der
Lebewesen selbst abhängt und wie sie zu seinen Erwartungen passen ("Es
sieht aus wie von Menschen gemacht, deswegen ist es wahrscheinlich so
ähnlich entstanden"). Das reicht nicht. Die Hypothese muss auch plausibel
sein, indem sie zu dem passt, was wir ansonsten wissen, sie muss
nachprüfbar sein, empirisch wohlbegründet usw.
Die Stromlinienform der Delphine, um ein Beispiel zu nennen, mag eine
noch so große Ähnlichkeit zu menschlichen Booten und Flugzeugen
haben - wenn kein wissenschaftlich prüfbarer Design-Prozess vorgeschlagen
werden kann, mit dem im Eozän jemand oder etwas diese Form schuf, ist
die Hypothese unhaltbar. Man muss zumindest ein Modell vorweisen können,
um etwas über seine Plausibilität sagen zu können. D.h. der
teleonomische (evolutionäre) Prozess ist nicht eigentlich plausibler
als "spezifisches Design". Vielmehr ist er der einzige, über
dessen Plausibilität man überhaupt etwas aussagen kann. Und es
ist sicherlich nicht unzulässig, diese Plausibilität nach allem,
was wir wissen (und an Ähnlichkeiten zur Stromlinienform der Delphine
in der Natur vorfinden) sehr hoch anzusetzen. Um die Problemstellung
verständlich zu machen, zwei weitere Beispiele:
Beispiel 1: Unsere Vorfahren schrieben die "Hexenringe" (Kreise von
Pilz-Fruchtkörpern) tanzenden Hexen zu, in England waren es Elfen. Die
Hexen (Elfen) tanzen im Ringelreihen, das "wissen" wir aus den
einschlägigen Geschichten. Die Pilze stehen im Ringelreihen, also besteht
eine Ähnlichkeit und das "spezifische Design" durch Hexen (Elfen) erscheint
deshalb plausibel. Allerdings gehört diese Sicht der Dinge zu einem
vorwissenschaftlichen Naturverständnis, das man gerade
nicht zu einer naturwissenschaftlichen Erklärung machen darf.
Wenn man - was die Naturwissenschaft tut - nach dem Zusammenhang von Ursache
und Wirkung fragt, belegt die Kreisform des Hexenrings ohne eine Untersuchung
des Prozesses, durch den sie entsteht, nämlich nichts. Will man
ihre Ursachen erklären, muss man versuchen, nachts die Elfen objektiv
dingfest zu machen, und im Fall des vorhersehbaren Misslingens statt dessen
Pilzkunde betreiben. Ebenso muss man in der Stammesgeschichte die Prozesse
untersuchen, die Lebewesen und ihre Merkmale hervorbrachten. Ähnlichkeiten
mit Produkten intelligenter Planung besagen gar nichts.
Beispiel 2: Wort und Wissen behauptet immer wieder (im Gegensatz zur
Auffassung der phylogenetischen Systematik), dass die Welt der Lebewesen
in gegeneinander abgrenzbare Grundtypen einteilbar sei (spezifische
Symptomkonstellation), und glaubt Gründe dafür zu erkennen, dass
der biblisch bezeugte Gott solche Grundtypen erschaffen habe (spezifische
Eigenschaft des Designers). Ergo verleihe nach Auffassung von Wort und
Wissen der Nachweis von Grundtypen der Existenz dieses spezifischen Designers
eine gewisse Plausibilität. Das Argument stützt sich darauf, dass
die Eigenschaft des "Produkts" zu einer (biblisch bezeugten) Eigenschaft
des Produzenten passt. Das soll einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang (Designer
= Gott; Design = die Geschöpfe) plausibel machen. Allerdings scheitert
die Argumentation von Wort und Wissen an denselben logischen Einsichten
wie das "Hexenring-Beispiel": Es existieren keine von der spezifischen
Theologie des Kreationismus unabhängige Informationsquellen, mit
denen man entnehmen könnte, dass der spezifische Designer tatsächlich
Grundtypen hervorgebracht habe. Nach anderen theologischen Auffassungen
trifft das gerade nicht zu; sie sehen vielmehr die
Evolution als "Methode" (um dieses unpassende Wort hier zu benutzen)
der Schöpfung an.
Selbst wenn man also des Arguments wegen zugestehen würde, dass das
Konzept der Grundtypen naturwissenschaftlich haltbar wäre, was es nicht
ist, gäbe es keinen zweiten unabhängigen Befund (fachlich:
Protokollsatz), mit dem man den ersten (hier: die biblisch bezeugte Eigenschaft
des "Produzenten") in Zusammenhang bringen bzw. empirisch plausibel
machen könnte. Wissenschaftliche Plausibilität kann auf keinen
Fall das Ergebnis eines solchen Arguments sein. Da es auch theologisch, also
auf einer nicht-naturwissenschaftlichen Aussage-Ebene, keine Eindeutigkeit
gibt, taugt SD nicht einmal als innerreligiöses Argument. Der Kreationismus
betrachtet die Natur durch die Brille seiner Theologie, und findet nichts
als seine eigene Theologie wieder.
In der Evolutionsbiologie wird im Unterschied dazu die Plausibilität
einer Hypothese durch einen einwandfreien (fachlich: hypothetisch-deduktiven)
Schluss begründet. Wenn z. B. gesagt wird, die mosaikartigen
Diskontinuitäten im Merkmalsgefüge der Organismen seien ein
Ergebnis des Evolutionsprozesses, dann beruht diese Kausalerklärung
nicht auf der bloßen, aus dem Ärmel geschüttelten
Ad-hoc-Annahme, dass die Evolution eben keine Formenkontinua zulasse. Vielmehr
gibt es einen weiteren, unabhängigen Befund (Protokollsatz)
aus der Entwicklungsbiologie, der belegt, dass es in der individuellen
Entwicklung der Lebewesen (Ontogenese) konstruktive Zwänge gibt, die
immer nur ganz bestimmte Entwicklungswege erlauben, und nur bestimmte
Merkmalskonstellationen des Lebewesens zulassen. Dieser Befund ist, wie
gesagt, erst einmal unabhängig von der Evolutionstheorie
selbst. Verknüpft man ihn jedoch mit den bekannten Mechanismen
der Variation, Selektion und Vererbung, ergibt sich daraus die konkrete
Folgerung, dass auch die Evolution kein Formenkontinuum hervorbringen
kann, sondern dass die diskontinuierliche, mosaikartige Merkmalsverteilung
zu erwarten ist, die man beobachtet. Damit wird, im Umkehrschluss, eine
Vorhersage der Evolutionstheorie bestätigt. Umgekehrt würde, in
Kenntnis der entwicklungsbiologischen Zwänge, ein Formkontinuum
die Evolutionstheorie deutlich schwächen, wenn nicht widerlegen.
Im Falle vom "spezifischem Design" ist diese Art der
Plausibilitätsprüfung unmöglich, weil weder empirisch noch
deduktiv etwas über die Mechanismen des postulierten Designers (ja,
noch nicht einmal über den Designer selbst) bekannt oder in Erfahrung
zu bringen ist. Ein "spezifisches Design" kann (je nach Wahl der Ad-hoc-Annahmen)
durch jeden nur erdenklichen Befund plausibel gemacht werden - und
somit durch gar nichts. Es gibt auf der Aussageebene der Naturwissenschaft
keine "typischen Kennzeichen eines Designers", sofern sie nicht durch
Kategorienverwechslung in das Argument eingeschmuggelt wurden.
Vermutlich gibt es die von R. Junker angenommenen "typischen Kennzeichen
für Design" nirgends - außer vielleicht bei einer bestimmten Klasse
von menschlichen Erzeugnissen und Produkten. Diese weit reichende Behauptung
im Einzelnen zu begründen, würde hier zu weit führen, deshalb
nur ein Hinweis zum Schluss: Wenn wir ein komplexes Produkt vor uns haben,
und wenn verschiedene mehrstufige, komplexe Prozesse denkbar sind, die dieses
Produkt hervorgebracht haben könnten, ist es sehr schwierig, die
Wahrscheinlichkeiten dieser unterschiedlichen Prozesse zu vergleichen. Sie
lassen sich nur über die statistische Wahrscheinlichkeit der Einzelschritte
und über eine Formalisierung ihrer kausalen Verknüpfung kalkulieren
- was häufig unmöglich ist. Das Endprodukt selbst sagt in aller
Regel nichts über die relative Wahrscheinlichkeit der denkbaren
Produktionsprozesse aus. Eine Schneeflocke sieht zum Beispiel aus wie ein
komplexes Designer-Kunstwerk. Wie wahrscheinlich ist es, dass es sich um
ein Kunstprodukt handelt, und wie wahrscheinlich sind Naturprozesse? Wir
halten uns mit Recht nicht bei dieser Frage auf, denn wir kennen den
physikalisch-chemischen Prozess, der diese Form erzeugt und wissen deshalb
jenseits aller Wahrscheinlichkeits-Behauptungen, dass die Ähnlichkeit
mit menschlicher Kunst irreführend ist. Umgekehrt: Wenn wir nichts
über diesen Prozesse wüssten, könnten wir die Frage nach dem
Ursprung der kristallinen Form nicht über Wahrscheinlichkeitsrechnungen
entscheiden - allen Ähnlichkeiten mit menschlichen Produkten zum Trotz.
Dennoch ist R. Junkers Buch ein Fortschritt. Die ehrlichere Fragestellung
führt zu einem ehrlicheren Scheitern als bei den US-Vertretern des
"intelligenten Designs". Das ist ebenso anzuerkennen wie die unpolemische,
vorsichtige Art seines Argumentierens.
Hansjörg
Hemminger
______________________________________________________
Fußnoten:
(1)
www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=si/bio/spurengottes.html
(2) Dies ist der sog. "Sherlock-Holmes-Fehlschluss".
Der berühmte Meister-Detektiv sagte: "Wenn du alle Möglichkeiten
außer einerletzten ausgeschlossen hast, so muss diese, wie unwahrscheinlich
sie auch scheinen mag, die richtige sein". Wie sich aber leicht zeigen
lässt, ist die Wissenschaft nicht imstande, alle nur irgend möglichen
Varianten von evolutiven Entstehungswegen zu erfassen. Daher ist ID schon
von Ansatz her fehlschlüssig.
(3)
www.evolution-im-fadenkreuz.info
Neukamm, M. (Hg.): Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus, Göttingen
2009.
(4) Dieser Fehlschluss ist mit dem
Sherlock-Holmes-Fehlschluss verwandt: A. ingnorantiam bedeutet, aus
Nicht-Wissen auf Unplausibilität oder Unmöglichkeit zu schließen.
(5)
evolution-schoepfung.blogspot.com/2010/02/normal-0-21-false-false-false-de-x-none.html
(6) Dass menschliches Design ganz charakteristische
Merkmalsverteilungen verursacht, die völlig anders gelagert sind als
das, was wir in der Natur vorfinden, darauf hat z. B. Beyer hingewiesen in
seinem Buchkapitel: Was ist Wahrheit? Oder wie Kreationisten Fakten wahrnehmen
und wiedergeben (Abschnitt: 3.: ID und das Konzept des semi-intelligent
Design ). In: "Kreationismus in Deutschland", Lit-Verlag, Münster, 2007,
ISBN 978-3-8258-9684-3)
© AG EvoBio
10.03.10