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Kommentar:
Lönnig,
Utricularia und die Philippika eines
Unbelehrbaren
Warum die Schriften W.-E. Lönnigs nirgends ein Niveau erreichen,
das einen rationalen Dialog ermöglichen würde
Im
ersten Teil des 9. Kapitels des Buchs "Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus"
(2009, Hg. Martin Neukamm,
Neukamm
2009, 239-250) widmet sich der Herausgeber der Evolution der Saugfalle
der fleischfressenden Pflanze Utricularia vulgaris. (Titel: "Was die
Selektion angeblich nicht leisten kann: Diskussion von drei Paradebeispielen").
Er legt darin detailliert dar, warum die evolutive Entwicklung der Saugfalle
des Wasserschlauchs Utricularia zwar spannend und nach wie vor eine
harte Nuss für die Evolutionsforschung ist, aber mitnichten in ein Argument
für einen übernatürlichen Ursprung, ein "intelligentes Design"
umgemünzt werden kann, wie es Dr. W.-E. Lönnig, "Zeuge Jehovas"
und Langzeit-Kreationist, zu zeigen beabsichtigt. Neukamm legt insbesondere
anhand zahlreicher intermediate forms dar, warum die Behauptung,
höher entwickelte Fallentypen müssten durch eine simultane
(und somit äußerst unwahrscheinliche) Synorganisation aller
für die Funktion erforderlichen Bauelemente evolviert sein, falsch ist.
Nun ist gerade diese Saugfalle W.-E. Lönnigs Lieblingsbeispiel für
angebliche Nicht-Evolvierbarkeit komplexer Strukturen, und so hat er, wie
nicht anders zu erwarten, im Rahmen eines 190-seitigen (!) Opus geantwortet
(
Lönnig 2010).
Was ist dazu zu sagen?
Eigentlich nichts, denn alles, was hierzu zu sagen ist, wurde bereits mehrfach
gesagt und Lönnig hat auch dieses Mal alle Fakten und Argumente gegen
"Intelligent Design" ignoriert. Und er beweist in jedem Satz, dass er die
Methoden des naturwissenschaftlichen Arbeitens und Argumentierens nicht
verstanden hat. Sachargumente und Tatsachen werden mit Falschaussagen,
Halbwahrheiten, weltanschaulichen Interpretationen und haltlosen Unterstellungen
geradezu systematisch vermengt. Um es in den Worten von Hemminger
(2007, 25) zu sagen: "Seine Schriften erreichen nirgends ein Niveau, das
eine wissenschaftliche Diskussion möglich machen würde und zeichnen
sich durch besondere Häme gegen andere Wissenschaftler aus".
Auch in diesem Text vergreift sich Lönnig wieder derart massiv im Ton,
dass man sich fassungslos fragt, ob er überhaupt eine Kinderstube genossen
haben mag. Zitat:
Vgl. auch den persönl. Kommentar eines erfahrenen Botanikers an W-EL
vom 30. 3. 2010 zu MNs Polemik unter (101) ff.:
Wer auf diese Art und
Weise Menschen angreift, um eine Sache zu retten, beweist seine intellektuelle
Inkompetenz und sein moralisches Vakuum. MN hat in allen seinen
Ausführungen in dieser Arbeit schriftlich unter Beweis gestellt, dass
es ihm in dieser Diskussion an Sachwissen und ausreichendem Denkvermögen
fehlt. Dazu kann er auch mit dringend erforderlichen Tatsachen für seine
Behauptungen und Geschichten nicht aufwarten. Nun stellt er auch noch unter
Beweis, dass es ihm obendrein an Charakter und genügendem Anstand fehlt.
MN steht sozusagen mit dem Rücken zur Wand, wohlwissend, dass er
wissenschaftlich nichts zu bieten hat. Das ist ja gerade der Grund seiner
Ohnmacht. Deswegen meint er, mit den Mitteln, die gegen Personen gerichtet
sind, Terrain zu verteidigen und dann folgt das Übliche: Diskreditierung,
Herabsetzung, Beleidigung usw.
Es ist diese Art der Argumentation,
die eine Sachdiskussion über Schöpfung oder Evolution ungeheuer
erschwert oder unmöglich macht.
Diese wie im Selbstbewusstsein eines überlegenen Forschers vorgebrachte
Bewertung ist um so erstaunlicher, als dass uns kein einziger kompetenter
und in der Wissenschaft ausgewiesener Fachmann bekannt ist, der Lönnigs
Ansichten als diskussionswürdig oder potenziell fruchtbar wertet (insofern
wäre es einmal ganz interessant zu erfahren, wer dieser anonyme "erfahrene
Botaniker" denn sein soll). Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch
der
Bericht eines Dozenten an der Fakultät für Biowissenschaften
der Universität Witten/Herdecke. Dieser Kommentar fällt
wissenschaftlich vernichtend aus, völlig konträr zu Lönnigs
eigener Auffassung ("
wurden von den Zuhörerschaften allgemein
als wertvolle wissenschaftliche Beiträge zur Wahrheitsfindung ...
angesehen").
Selbst das Direktorium des Max-Planck-Instituts, an dem Lönnig
beschäftigt war, distanzierte sich in einer öffentlichen
Erklärung von dessen Intelligent-Design-Schrifttum
(
MPIZ
Köln: Distanzierung). Nachdem Lönnig seine wissenschaftlich
unhaltbaren Ideen zu ID jahrelang über den Institutsserver verbreitet
hatte, musste er schließlich mit diesen Inhalten auf seine private
Homepage umziehen: Nach Angaben des geschäftsführenden Direktors
Paul Schulze-Lefert werde nur noch eine "massiv entrümpelte" Seite geduldet,
da man sich sonst "lächerlich gemacht" hätte
(
Willmann 2003). Muss
man zu dieser Thematik noch mehr sagen? Stil und Gehalt von Lönnigs
Texten sowie die Tatsache, dass er alle vorgebrachten Argumente einfach
ignoriert, machen eine wissenschaftliche Auseinandersetzung unfruchtbar und
sinnlos. Im Gegensatz dazu genießt der von M. Neukamm herausgegebene
Sammelband auch unter Wissenschaftlern und Wissenschaftsphilosophen
Wertschätzung, s. z.
B.
Prof.
Dr. Dr. Gerhard Vollmer. Der Leser mag selbst entscheiden, ob dies für
die von Lönnig angeprangerte "intellektuelle Inkompetenz" Neukamms spricht.
Eine
letzte Bemerkung zum Thema "Ohnmacht": Wir, das heißt die AG EvoBio,
stützen uns in unseren Texten inhaltlich auf Hunderttausende
wissenschaftlicher Veröffentlichungen aus der Bereich Evolutionsbiologie
und wissen auch die übrige naturwissenschaftliche Forschung, gleich
ob Physik oder Chemie, hinter uns. Kreationisten haben nichts dergleichen
vorzuweisen, sie unterhalten keine Arbeitsgruppen und Labors, machen keine
eigene Forschung und veröffentlichen keine wissenschaftlichen Publikationen.
Stattdessen bringen Sie ihre Ideen über das Internet, christliche bzw.
fachfremde Verlage oder im Eigenverlag unter die Leute. Ist
nicht genau das Ausdruck inhaltlicher Ohnmacht? Und was
"Diskreditierung, Herabsetzung, Beleidigung" anbelangt, möge der Leser
unsere Texte mit denen Lönnigs vergleichen und sich selbst ein Urteil
bilden.
Abgesehen von der oben zitierten Entgleisung spart Lönnig auch sonst
nicht mit Polemik. Er wirft z.B. Neukamm mehrfach das absichtliche Verbreiten
"falscher Tatsachen" vor. Wieder gehen dabei selektiv aufbereitete Sachargumente,
Verdrehungen, weltanschauliche Äußerungen und Halbwahrheiten Hand
in Hand. Und wieder überrollt Lönnig den Leser reihenweise mit
Zitaten, viele davon unbelegt oder sachfremd. Bereits das erste
anti-evolutionistische Zitat im Text (von Richard Smalley, Nobelpreis für
Chemie 1996) ist nicht belegt und zudem die Privatäußerung eines
Wissenschaftlers, der auf evolutionsbiologischem Gebiet kein Fachmann ist.
Mehrmals bereits wurde Lönnig erklärt, dass sich aus solchen
"Autoritätsbeweisen" kein folgerichtiges Argument ableiten lässt:
Bei Magenschmerzen wird auch er vermutlich nicht zum Optiker gehen, ebenso
wenig wie er bei Computer-Problemen den Klempner rufen wird, und sei jener
auch ein noch so genialer Handwerker. Allerdings scheint Kritik an diesem
Fehler von Lönnig abzuperlen wie Wasser von einem Lotusblatt. Wozu also
immer und immer wieder sie selben Fehler monieren, wenn Lönnig die Argumente
ignoriert?
Und wieder diskutiert Lönnig am Kern des Themas vorbei: In besagtem
Kapitel versucht Neukamm selbstverständlich nicht, die Evolution
der Saugfalle in allen Details nachzuvollziehen, es ging ihm vielmehr darum
nachzuweisen, dass der angeblich erforderliche "Riesenschritt" in der Evolution
von Utricularia Fiktion ist, weil eben zahlreiche funktionale
Zwischenformen existieren. Und wieder reagiert Lönnig mit dem ebenso
durchschaubaren wie sachlich falschen Trick: Konnte man endlich, wie
jahrelang von ihm selbst gefordert, ein Modell
präsentieren, welches die Kluft zwischen Organismus A (z. B. ein
Präkarnivor) und B (Utricularia) konstruktiv durch funktionale
Modellorganismen X, Y, Z
überbrückt, so stempelt er dieses
einfach zur "Phantasie-Geschichte", verändert den Blickwinkel, zoomt
sozusagen in den Stammbaum hinein und behauptet nun mit derselben felsenfesten
Überzeugung, es existierten nun statt einer Lücke gleich
mehrere unüberbrückbare Klüfte. Kurz: der Kreationist
freut sich über "Lücken", spricht von "missing links" (fehlenden
Zwischenformen), und wenn nun genau solch eine Zwischenform gefunden wird
- sei sie fossil, sei sie eine noch lebende Modellform - so freut sich nicht
nur der Evolutionswissenschaftler, sondern abermals der Kreationist: Hat
er doch jetzt zwei Lücken, auf die der verweisen kann. Ein Spiel,
das sich unendlich weiter treiben lässt. Doch von der Notwendigkeit
eines einzigen, riesengroßen Entwicklungsschritts, wie ihn Nachtwey
noch forderte, ist freilich längst nicht mehr die Rede: Dieses Argument
lässt Lönnig, verdeckt durch rhetorische Kniffs, stillschweigend
unter den Tisch fallen. Für den praktisch tätigen und seine
Wissenschaft reflektierenden Forscher ist diese Art von Argumentation um
so eigentümlicher, als für ihn Wissenschaft ja hauptsächlich
aus zu schließenden Lücken besteht (sonst bräuchten wir nicht
mehr zu forschen!). Ferner ist es eine Binsenweisheit, dass jede geschlossene
Lücke weitere Fragen aufwirft, auf einer tiefer liegende Ebene
allerdings
Und wieder wendet sich Lönnig an das falsche Publikum: Wenn
tatsächlich belastbare Daten und schlüssige Argumente
vorlägen, warum veröffentlicht er sie dann für ein Laien-Publikum
im Internet, weshalb hat er sie nicht längst in Fachjournalen publiziert
und damit wissenschaftlich zur Diskussion gestellt? Die Antwort ist
einfach: Weil es keine solchen Daten und Argumente gibt.
Während Neukamm auf Erkenntnisse von Karnivoren-Experten zurückgreift
(deren Rat und Rückmeldung er eingeholt hat) und auf gesichertes
biologisches Wissen rekurriert, kann sich Lönnig auf keine einzige
wissenschaftliche Arbeit berufen, in der gezeigt wurde, dass die Saugfalle
nicht evolviert sein kann. Also bemüht er wieder das sattsam
bekannte argumentum ad ignorantiam, das der naturwissenschaftlichen
Denkart und Herangehensweise an Probleme grundsätzlich widerspricht.
Wenn Lönnig tatsächlich ein wissenschaftliches Interesse
an der Evolution der Saugfalle hat, warum hat er dann in all den Jahrzehnten
seiner Genetiker-Laufbahn - mit der Infrastruktur eines renommierten und
gut ausgestatten Max-Planck-Instituts im Rücken! - keine
Forschungsanträge gestellt, die Genetik der Saugfallenentwicklung untersucht
und mit derjenigen anderer Mitglieder der Familie verglichen? Warum hat er
nicht erforscht, welche Gene für die Ausbildung welcher Fallentypen
verantwortlich sind und durch vergleichende Analysen Rückschlüsse
auf die Entstehungsmechanismen gezogen? Vielleicht ist die Antwort ja
überaus simpel, und Lönnig interessiert sich nicht für
evolutionsbiologische Fragen sondern ist vollauf damit zufrieden,
Entstehungsmechanismen nicht zu verstehen, um Schöpfung proklamieren
zu können. Nun, echte Evolutionsbiologen jedenfalls möchten das
verstehen! Sie möchten, um es in den Worten von Michael Shermer
(2000) auszudrücken, wissen,
... ob ID Telekinese oder irgendeine andere geheimnisvolle Kraft verwendet,
um die Teile zusammenzubringen. Aber die ID-Anhänger behaupten, dass
sie sich nicht darum kümmern, wie ID das machte. Alles, was zählt,
ist, dass Er (oder Sie oder Es) das machte. "ID funktioniert auf wundersame
Weise". Was für eine bemerkenswert unwissenschaftliche Haltung. Was
für ein erstaunlicher Mangel an Neugier über die Welt.
Lönnigs Weltanschauung steht offenbar einer rationalen, wissenschaftlichen
Forschung in denjenigen Bereichen von vornherein dort im Wege, wo deren
Erkenntnisse mit ihr in Konflikt geraten. Er scheint, so wie alle
Evolutionsgegner, völlig damit zufrieden zu sein, den Evolutionsprozess
nicht zu verstehen, um Wunder postulieren zu können -
das aber führt das Programm und die Methodik der Naturwissenschaften
ad absurdum. Solide naturwissenschaftliche Modellbildung kann hier wohl
nur stören. Alle avancierte Forschung - nicht nur die zu komplexen Systemen
- benötigt im Übrigen kritische und sorgfältige Modellbildung;
wer dies ablehnt, weil Modelle immer mit Vereinfachungen, d.h.
Vernachlässigung von Details, einhergehen (sonst wären sie keine
Modelle!), der koppelt sich aus dem gesamten neuzeitlichen
naturwissenschaftlichen Verstehensprozess aus.
Um noch einmal Shermer (a.a.O.) zu bemühen: "Es ist kein Zufall,
dass so gut wie alle ID-Befürworter Christen sind. Das ist unvermeidlich.
ID-Argumente sind Gründe zum Glauben, wenn Sie schon
glauben. Wenn sie das nicht tun, sind ID-Argumente nicht vertretbar."
Und so beweisen Lönnigs Repliken regelmäßig aufs Neue, dass
er weder die Grundprinzipien wissenschaftlicher Modellbildung und
Theorienprüfung noch die elementaren Zusammenhängen des
Evolutionsprozesses verstanden hat noch akzeptiert. (Details hierzu u.a.
in den Arbeiten von Neukamm, siehe Literaturverzeichnis).
Da es grundsätzlich keinen Sinn ergibt, eine Diskussion fachspezifischer
Detailfragen auf der Basis tief ansetzender, grundsätzlicher
Missverständnisse führen zu wollen, wird sich die AG Evolution
in Biologie, Kultur und Gesellschaften zu Lönnig künftig
nicht mehr äußern; was zu sagen ist, wurde gesagt (s.
Auflistung unserer Texte unter Literatur). Da Lönnig die üblichen
Rationalitätsstandards im Diskurs ignoriert, kann kein vernünftiger
Dialog zustande kommen; es bleibt es beim Austausch emotiver Bekenntnisse.
Ungeachtet dessen hat sich Neukamm ein letztes Mal die Mühe gemacht,
exemplarisch an einigen wesentlichen Punkten aufzuzeigen, welche grundlegenden
Defizite Lönnigs Argumentation nach wie vor aufweist
(
Neukamm
2010).
Im Rahmen seiner Abhandlung hat Neukamm insbesondere folgende Punkte
herausgearbeitet:
1. Zielsetzung des Buchs
Lönnig unterstellt Neukamm das absichtliche Verbreiten "falscher Tatsachen"
- ein Vorwurf, der einer Überprüfung nicht standhält. Die
meisten Vorwürfe wurden schlichtweg konstruiert oder glatt erfunden,
so z. B. die Behauptung über Neukamms Buch: "The real message is
that there is no God, that he is unnecessary". Dieser Satz ist keineswegs
zutreffend, denn erstens findet sich im ganzen Buch keine einzige Passage,
die auf solch eine Intention schließen ließe. Zweitens erschien
das Buch in einem renommierten christlichen Verlag, was kaum hätte der
Fall sein können, wenn Lönnigs Unterstellung zuträfe. Drittens
sind mehrere Autoren Christen, und das Buch erhielt sogar einen
Druckkostenzuschuss vom Oberkirchenrat Stuttgart. In Wahrheit geht es in
diesem Buch unter anderem um die Frage, ob ein Grund besteht, als Erklärung
in die empirischen Wissenschaften teleologische, übernatürliche
Faktoren einzuführen; das ist nicht der Fall, und zwar in keiner einzigen
Naturwissenschaft.
2. Folgerichtigkeit der evolutionstheoretischen
Argumentation
Lönnig verkennt die Logik evolutionsbiologischer Forschung: Mitnichten
wird einfach im Sinne eines Zirkelschlusses das vorausgesetzt, was erst bewiesen
werden soll - die gemeinsame Abstammung der Arten. Die Analyse der beobachteten
Ähnlichkeiten entspricht vielmehr der Stichhaltigkeit eines
Vaterschaftstests: Die für den Schluss erforderlichen Prämissen
werden nicht vorausgesetzt, sondern stützen sich auf Mechanismen und
Grundannahmen, die unabhängig von der Evolutionstheorie
überprüfbar und empirisch wohl bestätigt sind. Das der
evolutionären Interpretation zugrunde liegende Prinzip entspricht der
hypothetisch-deduktiven Methode, die in allen Naturwissenschaften
Anwendung findet.
3. Die Frage nach dem "ob", nach dem "wie" und nach
den Details
Unabhängig von der Frage, wie die Saugfalle von Utricularia
vulgaris im Detail evolvierte, weiß man eine ganze Menge über
diese Pflanze und ihre Verwandten, und zwar genug, um die Annahme einer
evolutiven Entwicklung zu rechtfertigen. Die Frage nach dem
"ob" ist also logisch völlig unabhängig und getrennt
von der Frage nach dem "wie" zu behandeln.
4. Was leisten evolutionsbiologische Modelle über
Utricularia & Co?
Entgegen Lönnigs Behauptung geht es in dem von ihm kritisierten
Buchabschnitt nicht um die Behauptung, die Einzelschritte in
der Evolution von Utricularia seien (womöglich lückenlos)
erklärt. Die Argumentation konzentriert sich im Kern vielmehr darauf,
dass Fallentypen, die einfacher gebaut sind als die Falle von
Utricularia, trotzdem funktionieren und durch die Selektion positiv
bewertet werden können, so dass die Notwendigkeit einer simultanen
Synorganisation aller für die Funktion der Saugfalle von
Utricularia erforderlichen Teile entfällt.
Lückenlose Erklärungen für konkrete, komplexe Objekte
gibt es im Übrigen so gut wie nirgendwo in der Naturwissenschaft. Man
kann beispielsweise die Entwicklung der Sterne inzwischen sehr gut
nachvollziehen. Dennoch wäre es hoffnungslos, in jedem Detail erklären
zu wollen, wie die Sonne in exakt der Art, wie sie zurzeit besteht, zustande
kam. Kein Astrophysiker kommt jedoch auf die Idee, hier
übernatürliche Kräfte zu postulieren. Selbiges gilt für
praktisch jedes beliebige Objekt, gleich ob es sich um einen einfachen Feldstein
oder einen Termitenstaat handelt.
5. Irreduzible Komplexität?
Lönnigs Behauptung, dass bei komplizierten Merkmalen (z. B. Fallentypen)
erst im Endstadium ein Nutzen gegeben sei, lässt sich empirisch wie
auch theoretisch widerlegen. Der gegenwärtige Funktionszustand eines
Systems sagt wenig darüber aus, welche früheren Zustände das
System durchlaufen hat oder durchlaufen haben kann. Insbesondere ignoriert
Lönnig notorisch das wohlbekannte Prinzip des Funktionswechsels. In
dem genannten Fall (und einigen anderen Fällen) war die Natur "freundlich
genug", einige Etappen jener vielschichtigen strukturellen und funktionellen
Veränderungen, die das System während seiner Evolution durchlief,
in Gestalt von intermediärer Formen unterschiedlicher
Komplexitätsgrade zu überliefern. Damit sind die Einwände
hinfällig.
6. "Falsche Tatsachen"?
Etliche von Lönnigs Behauptungen, die Spezies Roridula,
Byblis, Sarracenia purpurea und Heliamphora tatei
betreffend (es geht um direkte und indirekte Karnivorie sowie um
Verwandtschaftsgrade), sind ganz einfach sachlich falsch. Z. B. ist die
Unterstellung, Neukamm behaupte, Heliamphora tatei sei primitiv und
produziere keine Enzyme, nicht belegbar. Roridula kann auch nicht
mithilfe von Phosphatasen tierische Beute verdauen, wie Lönnig seinen
Lesern suggeriert, sondern ist auf die Existenz von Symbionten angewiesen.
Diese sehr passive Form der Karnivorie lässt sich als evolutionär
vermittelnde, also intermediäre Form interpretieren und dürfte
nach Lönnig gar nicht existieren!
7. Angebliche "Funktionswidrigkeit" zahlreicher
hypothetischer Zwischenformen
Selbiges wird von Lönnig immer nur behauptet, aber an keiner Stelle
durch empirische Befunde, Simulationsversuche o. ä. nachgewiesen (eigene
Forschung hierzu betrieb er sowieso zu keiner Zeit). Wäre die Argumentation
stichhaltig, dann dürften zahlreiche real existierende Formen gar nicht
existieren, weil sie nach Lönnigs Logik nicht funktionieren dürften.
Hiermit in gewisser Weise vergleichbar sind unbewegliche Varianten von
Escherichia coli in Umweltproben - also Zellen, die ihre Flagellen
verloren haben, die aber trotzdem überleben. Mit anderen Worten: Was
vorgeblich alles nicht funktionieren kann, entspringt allein Lönnigs
Vorurteilen. Die Vermutung liegt nahe, dass sich diese primär aus den
weltanschaulichen Vorgaben der "Zeugen Jehovas" speisen (nach der Art:
"Evolution kann nicht funktionieren, weil sie nicht funktionieren darf,
und darum bemühen wir uns gar nicht erst, adäquate
Erklärungsmodelle zu finden").
8. Synthetische Evolutionstheorie
Lönnig hat sie ganz offensichtlich nicht verstanden. Entgegen seiner
Behauptung können ursprüngliche und abgeleitete Formen ebenso wie
verschiedene Rassen, Subspezies und Arten unterschiedlicher Komplexität
problemlos koexistieren, sofern der Konkurrenzdruck nicht überhand nimmt
oder (wie bei vielen invasiven Arten zu beobachten) der differenzielle
Fortpflanzungserfolg einer bestimmten Form in einer bestimmten ökologischen
Nische so überhand nimmt, dass alle anderen Spezies aus dem Rennen geworfen
werden.
9. Merkmals- und Artenkonstanz
Die Konstanz zahlreicher Merkmale, Merkmalskomplexe und Arten wird, ebenso
wie die "Mosaikevolution" und das Auftreten von Heterobathmie, teils durch
den kladogenetischen Aspekt der Evolution, teils durch "developmental
constraints" erklärt. Wie so häufig stützen sich Lönnigs
Einwände auf antiquierten oder gar völlig falschen Grundannahmen,
die von einer unzureichenden Kenntnis der (modernen) Evolutionstheorie(n)
zeugt.
10. Evo-Devo
Die Erklärungsmodelle der evolutionären Entwicklungsbiologie stehen
- anders als Lönnig glauben machen will - nicht im Widerspruch zur
Synthetischen Theorie der Evolution, sie sind eine Ergänzung und zeigen
auf, wie Selektion auf verschiedenen Ebenen wirkt. Gleiches gilt (ungeachtet
der Evidenz, die zur Zeit dafür oder dagegen spricht) für Theorien,
welche die evolutive Rolle von Transposonen und genomreorganisierenden Elementen
thematisieren, für systembiologisch akzentuierte Denkansätze usw.
Die Synthetische Theorie der Evolution ist ein offenes Theoriengebäude,
in das sich entwicklungsgenetische, mechanische und andere Faktoren ohne
Schwierigkeit integrieren lassen. Das bedeutet keine Immunisierung der Theorie,
sondern ist das Kennzeichen eines leistungsfähigen Konzepts und in der
Wissenschaft nichts Ungewöhnliches; Gleiches gilt etwa auch für
die breite Anwendung quantenmechanischer Grundansätze (z. B. die
Unschärferelation) oder die relativistische Physik (z. B. Kovarianz).
11. Lönnigs Stil und
Argumentationsweise
Eine ganze Reihe von Lönnigs Behauptungen werfen tiefgreifende Fragen
auf. So behauptet er immer wieder (und darauf läuft faktisch jeder seiner
Texte hinaus) "
die Daten, die wir heute haben, haben der
Evolutionstheorie den Todesstoß versetzt". Dies kann er allerdings
nicht mit Fakten und Daten aus der wissenschaftlichen Literatur belegen.
Im Gegenteil lebt und floriert die Evolutionsbiologie in der "Scientific
Community" erfolgreicher denn je, und der Evolutionsgedanke durchdringt viele
Bereiche der Naturwissenschaft und der Philosophie, Soziologie usw. Die Lehre
vom "Intelligent Design" hat hingegen keinerlei wissenschaftliche Erfolge
vorzuweisen und wird von denen, die faktisch und praktisch Wissenschaft
betreiben, abgelehnt oder wegen ihrer mangelnder Fundierung und ihres
grundsätzlichen Widerspruchs zur wissenschaftlichen Denkweise ignoriert.
Zu Lönnigs publizistischem Umgangsstil ist bereits Hinlängliches
gesagt worden; dem Leser sei beispielsweise der Kommentar von
Hemminger (2009) empfohlen.
Texte über W.-E. Lönnig
Beyer, A.; Neukamm, M. (2007) Kommentar zu W.-E. LÖNNIGs Seminar an
der Universität Witten/Herdecke. Ein Dozent an der Fakultät für
Biowissenschaften berichtet.
http://ag-evolutionsbiologie.de/app/download/3174094202/loennig_witten.html
Die Direktoren des MPIZ Köln (2006) MPIZ: Distanzierung.
http://ag-evolutionsbiologie.de/app/download/3169538902/laborjournal_mpiz.pdf
Gutmann, M.; Warnecke, W. (2008) "Anything goes", Herr Lönnig? Zur Frage,
ob "Intelligent Design" wissenschaftliche Antworten liefert.
http://ag-evolutionsbiologie.de/app/download/3394966202/loennig+AG.pdf
Hemminger, H. (2007) Mit der Bibel gegen die Evolution. Kreationismus und
"intelligentes Design" - kritisch betrachtet. EZW-Text Nr. 195, Stuttgart.
www.reformiert-info.de/1615-0-8-2.html
Hemminger, H. (2009) Feinde Gottes und der Menschen - Evolutionsbiologie
aus der Sicht von W.-E. Lönnig.
http://ag-evolutionsbiologie.de/app/download/3167686602/Loennig_Kommentar_HH.pdf
Neukamm, M. (2007) Neues zum Birkenspanner Biston betularia.
http://ag-evolutionsbiologie.de/app/download/3173389102/biston.html
Neukamm, M. (2010) Eine unendliche Geschichte: Dr. W.-E. LÖNNIG, Intelligent
Design und die Saugfalle der Pflanze Utricularia vulgaris. Die Evolution
der karnivoren Pflanzen: Was die Selektion in vielen Einzelschritten zu leisten
vermag.
www.martin-neukamm.de/loennig-utricularia.pdf
Neukamm, M.; Beyer, A. (2007) Die Affäre Max Planck. Über die
fragwürdigen Diskursmethoden eines Evolutionsgegners. In: Kutschera,
U. (Hg.) Kreationismus in Deutschland. Münster, 232-276
Shermer, M. (2000) ID funktioniert auf wundersame Weise.
www.waschke.de/twaschke/artikel/id/shermer.htm
Willmann, U. (2003) Entwürfe in Gottes Namen. DIE ZEIT, Nr. 19 (Ausgabe
vom 30.04.2003).
www.zeit.de/2003/19/Kreationisten
Prof.
Dr. Andreas Beyer / PD Dr. Rudolf A.
Jörres
© AG Evolution in Biologie,
Kultur und Gesellschaft
31.05.2010