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Diskussionsbeitrag
Diskussionsbeitrag:
Evolutionäre
Entwicklungsbiologie (Evo-Devo)
Die grundlegenden Irrtümer der Studiengemeinschaft 'Wort und
Wissen'
Im
Buch "Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus" (Göttingen: Vandenhoeck
& Ruprecht, 2009.
ISBN
978-3-525-56941-2) befasst sich ein Kapitel mit dem Thema "Evolutionäre
Entwicklungsbiologie" (kurz: Evo-Devo) - eine neuere Disziplin, die Prozesse
in der Embryonalentwicklung sowie den Einfluss der daran beteiligten Gene
untersucht, um zu verstehen, wie neue Merkmale in der Evolution entstehen.
Wie nicht anders zu erwarten, hat die evangelikale Vereinigung Wort und Wissen
(W+W) darauf reagiert und es kritisiert. Dabei wird der Eindruck erweckt,
Evo-Devo präsentiere über keinerlei Mechanismen zur Erklärung
der so titulierten "Makroevolution", sondern nur "Ideen" und vage Vorstellungen.
Den Autoren wird unterstellt, sie würden nur "notwendige Bedingungen
und bloße Beschreibungen möglicher evolutionärer Änderungen
der Ontogenese" auflisten und es versäumen, auf die angeblich "fehlenden
empirischen und experimentellen Belege" für die behaupteten evolutiven
Prozesse hinzuweisen. Ferner wird behauptet, die Autoren verwendeten Fachbegriffe
in sinnentstellender Weise, und ihr Text sei "durchsetzt von unwahren und
sinnentstellenden Aussagen". Auffallend sei "hier besonders eine fehlerhafte
und geschönte Widergabe der Ausgangssituation der Evolutionsbiologie,
sachliche Entstellungen von Argumenten sowie eine inkorrekte Einverleibung
von Evo-Devo in das überkommene Gebäude der Synthetischen
Evolutionstheorie" usw.
Im vorliegenden Diskussionsbeitrag (Hemminger et al. 2010) wird die
Kritik von W+W im Detail analysiert und als unzutreffend zurück gewiesen.
W+W treibt den Skeptizismus auf die Spitze, wodurch, so das Kalkül,
in der Evolution der Eindruck generellen Zweifels und der Ungewissheit vermittelt
wird. Dies hat zur Folge, dass die Kritik mit den Prinzipien
naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinns nicht mehr allzu viel zu tun hat.
Auch an weiten Teilen des Inhalts des von W+W kritisierten Textes geht die
Kritik vorbei. Im Fall der Autoren betrifft das u. a. die angeblich
falsche Verwendung von Fachbegriffen.
W+W begibt sich in einen krassen Gegensatz zur Methodologie der
Naturwissenschaften. Z. B. scheint der Autor Reinhard Junker nicht verstanden
zu haben, was man in den Naturwissenschaften unter einer "Erklärung"
versteht. Die Behauptung, Evo-Devo liste nur "bloße Beschreibungen
möglicher evolutionärer Änderungen der Ontogenese" auf, ist
falsch und zeugt von der Verkennung elementarer wissenschaftstheoretischer
Zusammenhänge.Wer darüber hinaus behauptet, es
fehlten "experimentelle Nachweise", der kann nicht behaupten, sich mehr
als nur oberflächlich mit Evo-Devo beschäftigt zu haben und muss
sich fragen lassen, ob er das Buchkapitel der Autoren überhaupt gelesen
hat. Inzwischen verfügen wir nämlich zum Teil schon über sehr
detaillierte Einsichten und belastbare Modelle, die zumindest von den
morphogenetischen Mechanismen her erklären, wie in der Evolution qualitativ
neue Merkmale entstehen. Und wir können mithilfe neuer effizienter Methoden
beobachten, wie sich durch Veränderungen in der Embryogenese die
Komplexität und Vielfalt erhöht. Die Entdeckung des genetischen
"Werkzeugkastens" ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Arten
von einem einfachen gemeinsamen Vorfahren abstammen, der dann modifiziert
wurde. Die Verweigerung gegenüber solch elementaren Erkenntnissen
lässt sich nur mit weltanschaulichen Vorgaben erklären, die im
Falle Reinhard Junkers (W+W) offensichtlich sind.
Des Weiteren werden, um eine Makroevolution zu leugnen, gezielt Hürden
aufgebaut, die in Wahrheit nicht existieren. Sei es, dass Evolution komplizierter
und unwahrscheinlicher gemacht wird, als sie in theoretisch angenommen werden
muss, sei es, dass Gegensätze zwischen den verschiedenen Teiltheorien
(z. B. zwischen der Synthetischen Evolutionstheorie und Evo-Devo) konstruiert
werden, die es nicht gibt, sei es, dass wichtige evolutionsbiologische
Erkenntnisse missachtet oder so umgedeutet werden, dass der Eindruck entsteht,
sie sprächen gegen Evolution. Dass dabei - immer wieder - zentrale Teile
unserer Argumentation sowie theoretische und empirische Fortschritte der
Wissenschaft ignoriert werden, liegt auf der Hand.
Als Fazit kann festgehalten werden, dass eine kompetente Kritik an der
Evolutionstheorie weiter auf sich warten lässt. Zwar klingen die von
W+W vorgebrachten Einwände möglicherweise für Laien plausibel,
fallen aber bei näherer Betrachtung in sich zusammen. Dem an der Thematik
interessierten Leser sei empfohlen, den Diskussionsbeitrag sowie das
Evo-Devo-Kapitel in unserem Buch sorgfältig zu studieren und mit den
beiden Texte von W+W zu vergleichen.
Quellen
Hemminger, H./Beyer, A./Neukamm, M. (2010) Evolutionäre Entwicklungsbiologie
(Evo-Devo): Die grundlegenden Irrtümer der Studiengemeinschaft Wort
und Wissen.
http://ag-evolutionsbiologie.de/app/download/3478892402/EvoDevo-W+W.pdf
Martin
Neukamm
© AG Evolutionsbiologie
des VdBiol 17.06.10
Last update:
20.06.10