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Kommentar:    

 

Die Uno und die biblische Prophetie

Beobachtungen auf der Fundamentalisten-Seite ProGenesis

   

Bei manchen esoterischen oder wissenschaftskritischen oder kreationistischen Texten kann man sich nur noch fassungslos fragen, in welcher Welt die Autoren leben. Der Text "Die UNO in der biblischen Prophetie", in dem die Worte des alttestamentarischen Propheten Daniel auf die Welt in heutiger Zeit angewendet werden, ist ein solcher, und man kann ihn lesen als Zeugnis dafür, was mit Menschen geschieht, die aufgrund fundamentalistisch-dogmatischen Denkens den Realitätsbezug verloren haben. (1) "ProGenesis" gibt sich mit diesem Text (und mit etlichen anderen) unmissverständlich als Teil des protestantischen, bibel-fundamentalistischen Milieus zu erkennen, das sich von den USA kommend in Europa ausbreitet. Das im Auge zu haben ist wichtig, weil der Verein auch beansprucht, wissenschaftliche (!) Argumente gegen die Evolutionstheorie ins Feld führen zu können. Wie wenig es in Wahrheit um Wissenschaft geht, und wie sehr um die Verbreitung der bibel-fundamentalistischen Ideologie, beweist hier der Umgang mit dem alttestamentlichen Buch Daniel. Es ist - abgesehen davon, dass es psychologisch interessant ist - für eine Industrie- und Bildungsgesellschaft von elementarer Wichtigkeit zu verstehen, unter welchen Umständen es zu derartigen Ansichten kommt. Was also ist typisch für solche Texte?

Erstens fällt auf, dass in all solchen Fällen die Offenbarungstexte - gleich ob der Bibel, dem Koran oder anderen Quellen entnommen - verabsolutiert werden. Sie werden nicht hinterfragt, und es werden keinerlei Sekundärquellen heran gezogen. Der historische und geistesgeschichtliche Kontext, in dem die Texte entstanden sind, wird ignoriert, ebenso werden alle biblisch-historischen, religionswissenschaftlichen und textanalytischen Erkenntnisse, die in Bezug auf ihre Herkunft mittlerweile in großem Umfang vorliegen, beiseite gelassen oder abgelehnt: Das Buch Daniel stammt von Daniel, die Bücher Mose von Mose, Punkt!

Zweitens sind die Übereinstimmungen zwischen prophetischem Text und historischer Realität - folgt man den Darlegungen der Autoren - zunächst überraschend und geradezu frappierend. Bei näherem Hinsehen bemerkt man aber mit steter Regelmäßigkeit,

(a) dass in Bezug auf die Interpretierbarkeit die - mathematisch gesprochen - Freiheitsgrade in der Auslegung sehr hoch sind. Die Aussagen sind, wie beim Delphischen Orakel, immer sehr allgemein gehalten und vor allem mehrdeutig und metaphorisch verschlüsselt. Hier wäre eigentlich die Frage angebracht: Warum ist das so? Wofür ist eine Prophezeiung gut, die kaum verständlich und alles andere als eindeutig ist?

(b) Die prophetischen Texte müssen trotz ihrer allgemein gehaltenen Aussagen mit sehr viel Phantasie (teils regelrecht gewaltsam) interpretiert werden, damit sie zur Realität "passen". Was sich einigermaßen in das Interpretationsschema des Autors einfügen lässt, wird akzeptiert, alles andere unter den Teppich gekehrt.

(c) Ferner ist festzustellen, dass sämtliche "Vorhersagen" immer erst im Nachhinein "erkannt" werden. Prüfstein wäre z.B., wenn es durch das Studium des Korans, der Bibel oder von Nostradamus' Texten gelänge, konkrete und unerwartete Ereignisse oder bestimmte, bislang unerkannte Fakten vor ihrem Eintreten zu prognostizieren. Das ist jedoch noch niemandem zweifelsfrei gelungen.

(d) Macht man sich die Mühe, die historische Perzeption und Interpretation derartiger Vorhersagen zu recherchieren, dann stellt man fest, dass in der Regel Dutzende von Auslegungen unentscheidbar nebeneinander stehen, wobei keine plausibler als die andere erscheint.

Und dennoch ist die wörtliche Wahrhaftigkeit der biblischen Prophezeiungen in fundamentalistisch-biblizistischen Kreisen unantastbar, sakrosankt. Was ist der Grund dafür? Man kann wohl davon ausgehen, dass die Autoren bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht bewusst die Unwahrheit sagen und tatsächlich ihre ehrlichen Überzeugungen vertreten. Woher kommt dann die Realitätsverleugnung, die praktisch vollständig immun ist gegen sachliche, rationale Argumente?

Teils mögen fehlende Bildung oder Naivität der Grund sein, teils aber sicherlich eine tief sitzende Angst vor einem "Domino-Effekt", dem "Proliferationsproblem", was die Autorität der Bibel angeht: Wenn das Buch Daniel im AT nicht von Daniel persönlich geschrieben wurde und wenn die Prophetien eine andere, viel hintergründigere Geschichte erzählen, dann beweist der Bibeltext womöglich auch nicht, dass Jesus der Messias ist, dann ist er womöglich gar nicht auferstanden, und dann bricht der gesamte christliche Glaube, die biblische Heilsgeschichte in sich zusammen. Also wählt man den einfachsten Weg, deklariert die Bibel als irrtumslos und verbietet sich selbst das Denken, vor allem das kritische Denken und den methodischen Skeptizismus - eine Haltung, die für eine Bildungsgesellschaft fatal wäre. Die Türkei und die USA zeigen, wie weit dieser Prozess selbst in unserer modernen Welt gehen kann; in anderen Ländern inklusive den ehemals "atheistischen" des ehemaligen Ostblocks scheinen analoge Entwicklungen im Gange zu sein oder bevor zu stehen. Dass der wörtliche Bibelglaube nicht selten mit endzeitlichen Erwartungen gekoppelt ist, die auch einen gewalttätigen "Endkampf" vor der Ankunft des Reiches Gottes einschließen, kann in einer Welt voller Konfliktherde und konkurrierender Interessen ebenfalls nicht beruhigen.

             

Quellen

Carigiet, J. (2010) Die Uno in der biblischen Prophetie. http://www.progenesis.ch/articles/gl_diverse/art_UNO.html

   

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Anmerkungen:     

(1)  In der Tat ist ProGenesis ein Beispiel für einen kruden Kreationismus simpler Machart, und dieses anspruchslose Diskussionsniveau ist durchaus häufiger anzutreffen: Es "lohnt" z.B. ein Besuch der Seiten www.gtodoroff.de, www.hanskrause.de/indexDeutsch.htm und www.evokrit.de. In Bezug auf die naiven Thesen von Detschko Svilenov hatte sich Andreas Beyer bereits die Mühe gemacht, exemplarisch für diese Art des Kreationismus Punkt für Punkt dessen Haltlosigkeit aufzuzeigen,

http://evolution.beyer-a.de/downloads/Vortrag_Svilenov.doc          

       

Prof. Dr. Andreas Beyer   

       


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol     20.06.10          Last update: 20.06.10