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Artikel:
Wie tierische Zellen
aneinander haften
Evolution der Zelladhäsion bei Vielzellern
Multizelluläre
Organismen - also die komplexer gebauten Tiere (Metazoen) und Pflanzen -
brauchen, um funktionieren zu können, Eigenschaften, welche von Einzellern
nicht benötigt werden. Zu nennen wären beispielsweise:
Damit Mehrzeller entstehen konnten, mussten also diese Vorbedingungen
erfüllt sein. Nun muss man sich fragen, was dem gemeinsamen Vorfahren
der Metazoen, einem einzelligen Lebewesen, Eigenschaften wie interzelluläre
Kommunikation oder Zelladhäsion genützt haben sollen. Kann man
sich tatsächlich vorstellen, dass diese Eigenschaften in einem
einzelligen Lebewesen evolvierten? Die Alternative, nämlich die
gleichzeitige, mehr oder weniger sprunghafte Entstehung all dieser
Eigenschaften und Fähigkeiten zusammen mit der Mehrzelligkeit, ist derart
unwahrscheinlich, dass man an diese Möglichkeit keinen Gedanken zu
verschwenden braucht.
Was also ist des Rätsels Lösung? Wie so oft so zeigt sich auch
hier, dass die menschliche Fantasie unzureichend ist, wenn es darum geht,
historische Abläufe allein mit Hilfe der Vorstellungskraft zu
rekonstruieren. Man kann sich mit seinem "gesunden Menschenverstand" kaum
von der Idee lösen, dass all diese Elemente erstmals in einem Einzeller
vorhanden gewesen sein mussten (der davon allerdings nicht profitieren konnte),
bevor sich die Metazoen überhaupt entwickelten konnten. Doch hier liegt
ein fundamentaler Irrtum vor, und zwar bezüglich der Vorstellung, dass
es "die Einzelligkeit" und "die Vielzelligkeit" gäbe,
dass oben benannte Eigenschaften für Einzeller grundsätzlich nutzlos
seien und dass es keine Organisationsformen zwischen Ein- und Mehrzelligkeit
geben könne.
Glücklicherweise hat uns die Natur an einigen Stellen Hinweise über
die Entwicklung hinterlassen: Viele Einzeller kommunizieren über sog.
Pheromone; etliche wechseln in ihrem Lebenszyklus zwischen ein- und
mehrzelligen Phasen (z.B. bildet Dictyostelium discoideum unter
Hungerbedingungen vielzellige Fruchtkörper). Schwämme haben keine
echten Gewebe und erst recht keine Nervenzellen, aber die Zellen kommunizieren
bereits auf eine Art und Weise, wie es die Nervenzellen höherer Tiere
tun (natürlich weitaus einfacher).
Nun haben Sebé-Pedrós et al. (2010) eine Untersuchung
veröffentlicht, die sich mit der Evolution der Zelladhäsion und
der damit verbundenen Kommunikationsprozesse befasst. Tierische Zellen heften
sich mithilfe unterschiedlicher Proteinsysteme an; das wichtigste ist der
Integrin-Adhäsionskomplex (Abb. 1).
Abb. 1: Integrine sind sog heterodime (= aus zwei veschiedenen
Untereinheiten aufgebaute) Transmembranproteine, d.h. sie durchqueren die
Zellmembran. Sie bestehen aus einer alpha- und einer beta-Untereinheit. Ihre
Hauptaufgabe besteht darin, das Zellskelett ("Zytoskelett", aus Aktin bestehend,
in der Abb. unten) mit der Extrazellularmatrix, also den Stützstrukturen
zwischen den Zellen zu verbinden. Dieser Kontakt erfolgt indirekt, d.h. es
existieren inner- und außerhalb der Zelle noch weitere
Brückenmoleküle wie alpha-Actinin, Talin (an Integrin-beta bindend)
sowie Paxillin und Vinculin (ihrerseits an Talin und alpha-Actinin bindend).
Der Integrin-Komplex dient auch der Nachrichtenübermittlung. Quelle:
http://www.uic.edu/classes/bios/bios100/f06pm/integrin.jpg
Die Autoren verglichen die mittlerweile komplett sequenzierten Genome etlicher
Ein- und Mehrzeller und suchten nach Genen für Integrin und solche Proteine,
die mit Integrin wechselwirken. Das Ergebnis war unerwartet, aber bei
näherer Betrachtung alles andere als überraschend: Die Präsenz
des Integrin-Systems lässt sich bis weit in das Reich der Einzeller
zurückverfolgen (Abb.2).
Abb.2: Anwesenheit unterschiedlicher Komponenten des Integrin-Komplexes
in verschiedenen eukaryontischen Gruppen. Schematischer Stammbaum der Eukaryoten
(mit besonderem Augenmerk auf den Zweig der Animalia, Tiere). Dargestellt
sind die verschiedenen Komponenten des Integrin Adhäsions-Komplexes.
Spalte 1+2: Anzahl der Integrin-Homologen. Schwarzer Punkt: Homologe
(mit deutlicher Sequenzähnlichkeit) klar identifizierbar. Weißer
Punkt: Kandidaten für Homologe mit geringerer Ähnlichkeit.
Kein Punkt: Gen nicht vorhanden. Die meisten Elemente des Zellskeletts
(Myosin, Aktin, Tubiulin etc.) sind nicht aufgeführt - sie sind bei
praktisch allen Eukaryonten vorhanden. Aus: Sebé-Pedrós
et al. (2010).
Ausgehend von diesen Befunden lässt sich ein Szenario rekonstruieren,
welches die Evolution des Integrin-Komplexes beschreibt (Abb.3). Eine der
wichtigsten Lehren, die man (beileibe nicht nur aus diesem Fall) ziehen kann,
ist die folgende Erkenntnis: Komplizierte, biologische Systeme sind in der
Tat irreduzibel komplex. Wer jedoch daraus schließt, dass sie in
einem Schritt entstanden (ergo: designt) worden seien, begeht einen
Denkfehler. Bei genauer Betrachtung wird man fast immer Systeme finden, die
einfacher gebaut sind und/oder bei denen Komponenten fehlen oder
zusätzliche Komponenten vorhanden sind. Diese Systeme funktionieren
ebenfalls, möglicherweise weniger effizient oder differenziert, fast
immer in einem mehr oder weniger ähnlichen oder auch abgewandelten
funktionellen Kontext - gerade so, wie man es aus evolutionstheoretischer
Perspektive erwartet.
Abb.3: Modell der Evolution des Integrin-Adhäsions- und des
Integrin-signalkomplexes. Links: Der "kanonische", eukaryontische
Integrin-Komplex. Die Farben bezeichnen die drei Haupt-Schritte der Entwicklung,
rechts im Kladogramm entsprechend markiert. Punkte bezeichnen die Entstehung,
Kreuze den Verlust der betreffenden Anteile. Der Zweig, der zu
Amastigomonas führt, ist gestrichelt, weil seine phylogenetische
Position noch nicht ganz klar ist.
Interessanterweise ist die Fähigkeit zur Adhäsion an verschiedene
Oberflächen auch bei Bakterien eine sehr weit verbreitete Eigenschaft.
Tatsächlich gibt es so gut wie keine Bakterienarten, die sich nicht
mittels Adhäsine an Oberflächen anheften können
(An/Friedman 2000; Dunne 2002). Während zur einfachen
Erst-Adhäsion simple elektrostatische Wechselwirkungen und
Van-der-Waals-Bindungskräfte ausreichen (Razatos et al. 1998),
gibt es für eine feste Adhäsion ein immens breites Spektrum an
Adhäsions-Molekülen (Pizarro-Cerdá/Cossart 2006;
Soto et al. 1999). Eine der immer wiederkehrenden und für
funktionelle Adhäsion wichtige Protein-Domäne (Motiv) ist das so
genannte "parallele beta-Faltblatt" (in Form von sog. beta-sheets oder
beta-barrels, wie man diese Elemente in der Strukturbiologie nennt; Abb.
4 und 5) (Niemann et al. 2004). Derart gebaute Struktur-Motive vermitteln
die Adhäsion an andere Proteine und sind oft gekennzeichnet durch
häufige Wiederholung der Aminosäuren Leucin, Isoleucin und Valin
(leucin-rich repeats) (Kobe/Kajava 2001). Dieses Motiv ist
interessanterweise keinesfalls spezifisch für Adhäsine, sondern
findet sich auch in vielen anderen Enzymen wie auch integralen Proteinen
der äußeren Zellmembran (Niemann et al. 2004,
Jenkins/Pickersgill 2001). Festzuhalten ist, dass Bakterien wie eukaryote
Einzeller die Fähigkeit zur Adhäsion
schrittweise entwickelten, ohne dass diese Eigenschaft zunächst
etwas mit Vielzelligkeit zu tun hatte.
Abb.4: Schemazeichnung eines Strukturblocks in einem Protein mit
ß-Faltblatt
Der durchgehende "Faden" stellt die Aminosäurekette dar, in den braunen
"Schrauben" ist er zur sog. alpha-Helices aufgerollt. Die blauen Pfeile stellen
"beta-strands" dar, die sich zu einem beta-Faltblatt zusammen gelagert haben.
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/21/PDB_1qys_EBI.jpg
Abb.5: FAB Fragment des IGG aus beta-folds. Die meisten Proteine
beinhalten sowohl alpha-Helices als auch beta-Faltblätter. Die
Antikörper hingegen - hier ein die Struktur des sog. FAB-Fragments des
Antikörpers Immunglobulin G (IGG) dargestellt - sind ausschließlich
aus beta-Faltblättern und kurzen, verbindenden Schliefen aufgebaut.
Quelle:
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/.../800px-1MRC_Igg_Jel_103_Fab_Fragment.png
So weit verbreitet und simpel die "parallele beta-Faltblatt"-Struktur auch
ist, so vielfältig ist dessen Evolution (Jenkins/Pickersgill
2001). Eine derart einfache Struktur ist mit Sicherheit viele Male parallel
evolviert; hinzu kommen Gen- und Domänenduplikationen
(Jenkins/Pickersgill 2001) sowie horizontaler Gentransfer.
Fazit
Es zeigt sich immer wieder, dass die meisten Systeme, die bei mehrzelligen
Tieren wichtige Aufgaben erfüllen, bei einzelligen Vorfahrenarten bereits
in ähnlicher, zumeist präadaptierter Form vorhanden waren - wie
nicht anders zu erwarten in einfacherer und bisweilen rudimentärer Form.
Die Evolution verlief mosaikartig und Schritt für Schritt: Die Systeme
etablierten sich nach und nach und wurden in der einen Abstammungslinie durch
Gen-Verdopplung und Rekrutierung anderer Gene schrittweise komplexer,
während sie in anderen Linien durch Genverlust einfacher wurden oder
gar vollständig verschwanden. In solchen Organismen, in denen ein System
aufgrund seiner Beschaffenheit neue Optionen eröffnet, standen der Evolution
neue Wege offen, z.B. der Weg in die Mehrzelligkeit.
Quellen
An, Y.H./ Friedman, R.J. (2000) Handbook of Bacterial Adhesion: Principles,
Methods, and Applications. Humana Press.
Dunne, W.M. Jr (2002) Bacterial Adhesion: Seen Any Good Biofilms Lately?
Clin Microbiol Rev 15, 155-166.
Jenkins, J./ Pickersgill, R. (2001) The architecture of parallel -helices
and related folds. Progress in Biophysics and Molecular Biology 77, 111-175.
Kobe, B./ Kajava, A.V. (2001) The leucine-rich repeat as a protein recognition
motif. Current Opinion in Structural Biology 11, 725-732.
Niemann, H.H./ Schubert, W.-D. et al. (2004) Adhesins and invasins of pathogenic
bacteria: a structural view. Microbes and Infection 6, 101-112.
Pizarro-Cerdá, J./ Cossart, P. (2006) Bacterial Adhesion and Entry
into Host Cells. Cell 124, 715-727.
Razatos, A./ Ong, Y.-L. et al. (1998) Molecular determinants of bacterial
adhesion monitored by atomic force microscopy. Proc Natl Acad Sci U S A 95,
11059-11064
Sebé-Pedrós, A./ Roger, A.J. et al. (2010) Ancient origin of
the integrin-mediated adhesion and signaling machinery. PNAS 107(22),
10142-10147.
Soto, G.E./ Hultgren, S.J. (1999) Bacterial Adhesins: Common Themes and
Variations in Architecture and Assembly. J Bacteriol 181, 1059-1071.
Wissenschaftliche Webseite zur Evolution der Vielzelligkeit:
http://www.broadinstitute.org/annotation/genome/multicellularity_project/MultiHome.html
Andreas
Beyer / Johannes
Sikorski
© AG Evolutionsbiologie
des VdBiol 13.07.10