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Kommentar:

   

Lindemanns sprachliche Verirrungen

Über den "Zerfall" der menschlichen Sprache   

   

Das katholische Nachrichtenportal kreuz.net (1) veröffentlichte am 14.3.2009 einen Beitrag des in Frankreich praktizierenden Hausarztes Dr. med. Wolfgang B. Lindemann mit dem Titel "Die Sprachen zerfallen" ( www.kreuz.net/print-article.8830.html). In einem Vorspann zum Beitrag von Lindemann (2) wird Folgendes behauptet:

Die Sprachentwicklung beweist, dass die Heilige Schrift näher bei der Wahrheit ist, als es manchem Evolutions-Ideologen lieb ist.

Den angekündigten Beweis blieb der Autor allerdings schuldig. Nachdem Lindemann einige Beispiele romanischer Sprachen (Französisch, Portugiesisch) im Vergleich zum Latein bezüglich eines Abbaus von Flexionen präsentiert, werden unzulässige und irrige Schlussfolgerungen gezogen.

Nach der Evolutionstheorie haben sich die Sprachen aus dem Nichts zu ihrer heutigen Höhe entwickelt. Doch die Wirklichkeit zeigt das genaue Gegenteil. Im Teilbereich 'Formenlehre' verlieren die Sprachen mit der Zeit an Komplexität. Was hier an den romanischen Sprachen gezeigt wurde, gilt für alle Sprachen der Welt.

Zunächst einmal ist Lindemann im falschen Film: Die Evolutionstheorie als solche macht keine Aussagen über die Sprachentwicklung. Richtig ist lediglich, dass sich spät im Laufe der menschlichen Evolution auch die Sprache entwickelt hat. Richtig ist allerdings auch, dass mittlerweile evolutionsbiologische Erkenntnisse über die Genetik der Sprachentwicklung vorliegen (s. u.).

Außerdem ist diese Betrachtungsweise eindimensional. Ein Flexionenzerfall und Abbau grammatikalischer Komplexität ist zur These eines angeblichen Sprachverfalls ungeeignet. Im Gegenteil: Die Veränderung einer Sprache ist vielschichtig. Und wie Lindemann in seinem Text selber eingesteht, werden die verschwundenen Fälle früherer Sprachen in vielen heutigen Sprachen durch komplizierte [sic!] Konstruktionen mit Präpositionen und Artikeln ersetzt.

Zur Erklärung einer immer komplizierteren Welt müssen immer mehr Begriffe in die Sprache einfließen und die Sprache ist dann oft überfordert. Unmoderne Ausdrücke verblassen (sind z. T. meist nur noch in der Literatur nachvollziehbar), aber eine Fülle von Neuschöpfungen bereichern die Sprache. Die englische Sprache zeigt auf, dass in dieser Sprache eine Vielzahl von grammatikalischen Konstruktionen überflüssig ist, aber man wird doch nicht behaupten können, dass diese Sprache Englisch mit dem höchsten Vokabelbestand europäischer Sprachen langsam dem Zerfall anheim fällt. Andererseits und als Gegenbeispiel belegt die russische Sprache mit ihrer Fülle von Grammatik und Flexionen sowie dem Ausbleiben einer Sprachreform, dass sie sich keineswegs in einem Stadium des Zerfalls befindet. Lindemann weiter:

Offenbar kann der Mensch keine neuen synthetischen Formen schaffen...

Der moderne Mensch kann keine synthetischen Formen oder neue Deklinationen bilden.

Abgesehen davon, dass der Autor genau diesen Satz zwei Mal fast wörtlich anführt, wird durch Redundanz die Argumentation nicht richtig. Der moderne Mensch ist sehr wohl in der Lage, synthetische Formen bzw. neue Deklinationen zu bilden (s. künstliche Sprachen, wie z.B. Esperanto oder Ido) sowie die spontan entstehenden Kreolsprachen, die sich in Kontaktsituationen (Eroberungen, Kolonialismus, Sklaverei) heraus bilden und quasi von selbst an Komplexität gewinnen.

Dennoch setzt die Evolutions-Ideologie den Glauben voraus, dass halbäffische Frühmenschen diese Leistung fertiggebracht hätten.

Dies zeugt von eklatantem Unwissen die menschliche Evolution betreffend. Sprache hat sich erst relativ spät entwickelt, also zu einer Zeit, als unsere Vorfahren der Gattung Homo zuzurechnen waren und längst nicht mehr "halbäffisch" (was immer das bedeuten soll) waren. Abgesehen davon ist mit dieser Polemik und Unterstellung der Weg zu einer rationalen Argumentation verbaut. Der Autor ignoriert außerdem alle evolutionsbiologischen Erkenntnisse zum Spracherwerb:

Der menschliche Kehlkopf (Larynx in der Fachsprache) sitzt erheblich tiefer als der eines Menschenaffen. Dadurch ist die Lautbildungsfähigkeit bei Affen stark eingeschränkt. Erst die Absenkung des Kehlkopfes war die Voraussetzung, dass sich Menschen durch Sprache artikulieren konnte. 1963 wurde in der Kebara-Höhle (Israel) ein 63 000 Jahre altes Zungenbein eines Neandertalerskeletts gefunden. Das Zungenbein ist eine hufeisenförmige Knochenspange, an der Weichgewebeteile des Sprechapparates befestigt sind. Diese anatomischen Indizien lassen darauf schließen, dass der Neandertaler sprachfähig war und mit größter Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich sprach, wobei unklar ist, ob Wortschatz und Grammatik mit denen des Homo sapiens vergleichbar waren. (3)

Am 13.6.2009 lief auf dem Fernsehkanal ARTE eine Dokumentation (Frankreich 2008) von Bernard Favre mit dem Titel "So entstand unsere Sprache". Aufgrund neuer Erkenntnisse von Paläontologen, Anthropologen, Genetikern, Linguisten und Forschern auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz wird dargelegt, woher die Fähigkeit zu verbaler Kommunikation kommt, wie und wann die menschliche Sprache entstanden ist. Schon der Neandertaler besaß, wie gesagt, ganz offensichtlich die Fähigkeit zum Sprechen. Aufgrund moderner Genforschung lässt sich der Ursprung der Sprache auf 2 Millionen Jahre zurückdatieren (Max Planck-Institut Leipzig, Evolutionäre Anthropologie: Untersuchungen zum FOXP2-Gen; http://de.wikipedia.org/wiki/Forkhead-Box-Protein_P2).

Dagegen erklärt die Heilige Schrift, dass die Menschen vor etwa 6000 Jahren in Babel von Gott viele verschiedene Sprachen erhielten.

Altsteinzeitliche Malereien und Gravierungen belegen indirekt, dass weit vor 6 000 Jahren Sprachen existiert haben müssen - derlei Kulturleistungen sind ohne Sprache undenkbar.

Das hohe Alter der Artefakte von 32 000 v. Chr. bis etwa 9 000 v. Chr. in rund 280 Höhlen in ganz Westeuropa kann nicht mehr geleugnet werden, nachdem Forscher in der Bilderhöhle Font-de-Gaume Bilder entdeckt haben, die stellenweise von datierbaren, bis zu 2 Zentimeter dicken Tropfsteinversinterungen überzogen sind (Felix R. Paturi: Die großen Rätsel der Vorzeit, Eichborn 2007, 242).

Sobald Zeitangaben im Spiel sind, haben Kurzzeit-Kreationisten von vornherein die schlechteren Karten. Richard Wiskin gibt aufgrund der biblischen Genealogie das biblische Sintflutdatum mit 2 300 v. Chr. an (s. Richard Wiskin: Die Bibel und das Alter der Erde, Hänssler 1996, 4. Aufl. 2003). Auf diese Zeitangabe bezieht man sich durchgängig in der kreationistischen Literatur. Somit ist die Zeitangabe der "babylonischen Sprachverwirrung" um 4 000 v. Chr. à la Lindemann äußerst fragwürdig.

Diese Ursprachen waren, wie man weiß, hochkomplex und konzentriert. Sie waren jenes Gottes würdig, der auf der Hochzeit von Kana nicht irgendeinen, sondern den besten Wein schuf.

Glauben ist nicht Wissen, und rein gar nichts davon wissen wir von diesen angeblichen "Ursprachen". Für die Babylonische Sprachverwirrung gibt es außer dem biblischen Bericht keinen Hinweis. Außerdem ist eine Ausbreitung der Weltsprachen vor wenigen Tausend Jahren von Babylon ausgehend, mit den Ergebnissen der linguistischen Forschung unvereinbar - was Lindemann bemerkenswerterweise unterschlägt. Und was die "Qualität" der damaligen Sprachen anbelangt, so bleibt er auch jedweden Nachweis schuldig.

Da unsere Welt dem Zerfall und dem Tod unterliegt, geht es seitdem mit den Sprachen langsam bergab.

Quod erat demonstrandum, dass dem nicht so ist, wie die vorhergehende Argumentation belegt. Den Tod gibt es seit Anbeginn des Lebens, auch wenn dies den Evangelikalen, die gerne an das Ur-Paradies glauben möchten, nicht gefällt. Versteinerte (ergo gestorbene) Lebensformen gibt es bereits aus der Urzeit, als es nur Einzeller gab. Wachstum und Verfall gehören zusammen - allein schon aus Gründen der Thermodynamik. Wer anderes behauptet, ignoriert alle wissenschaftlichen Fakten.

        

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Fußnoten:

(1) Anmerkung: Kreuz.net - katholische Nachrichten ist kein Nachrichtenportal der katholischen Kirche. Es handelt sich vielmehr um ein privates Nachrichtenforum vorwiegend rechtsradikaler Katholiken mit Sitz in den USA. Auf der offiziellen Website der katholischen Kirche in Deutschland distanziert man sich von kreuz.net ( www.katholisch.de/Nachricht.aspx?NId=369; PM der deutschen Bischofskonferenz). Im Archiv von Kreuz.net sind über 30 Artikel von Lindemann (darunter 9 evolutionskritische Beiträge) gespeichert. In der evolutionskritischen Zeitschrift "Studium Integrale Journal" der Studiengemeinschaft "Wort und Wissen" ist Lindemann mit mehreren Kurzbeiträgen präsent.

(2)  Lindemann ist der Initiator einer neuen Organisation, die noch nicht sehr bekannt sein dürfte. Unter dem Namen "Studiengemeinschaft Theologie und Biologie" (ein Schelm, wer angesichts der Homophonie an eine schlechte Kopie der "Studiengemeinschaft Wort und Wissen" denkt) sollen katholische Wissenschaftler eine Plattform für eine neue evolutionskritische Vereinigung erhalten (s. auch www.theologie-biologie.eu/html/evolutionskritik.html).

(3) Quelle: Brian F. Fagan: Die siebzig großen Geheimnisse der alten Kulturen, 2. Auflage 2006, Frederking & Thaler, Kap. 19: Die Entwicklung der Sprache, 91). Die englische Originalausgabe erschien 2001, Thames & Hudson, Ltd. London mit dem Originaltitel: The Seventy Great Mysteries of the Ancient World. Unlocking the Secrets of Past Civilizations).

        

Autor: Wolfgang Jähnig

     

          

     

   

                       

           


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